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Abenteuer Busfahren – Warum nicht schwarz fahren für alle?

07.02.11 (Allgemein) Autor:Jürgen Eikelberg

Ein Gastbeitrag von Felix Staratschek.

Busfahren kann spannend sein, allerdings nicht in der angenehmen Art. Im Januar habe ich einen neuen Arbeitsplatz bekommen und muss dafür morgens um 6 Uhr in Remscheid Hasten sein. Das Ziel ist über drei Bushaltestellen und mehrere Buslinien erreichbar.

Unzureichende Fahrplanauskunft

Zunächst ermittele ich per Fahrplanauskunft eine Verbindung. Die sieht auch gut aus. Und trotz der dann erlebten Verspätung scheinen am Willy-Brandt-Platz die Anschlussfahrten nach Hasten zu warten. Das klappt auch die ersten drei Tage gut. Aber dann ist der Anschluss der aufeinander abgestimmten „Frühexpress- Fahrten“ weg und schon bin ich dreißig Minuten später am Arbeitsplatz und verliere zwanzig Minuten Arbeitszeit.

Am nächsten morgen spreche ich gleich die Busfahrerin an, dass ich den Anschluss nach Hasten heute haben will. Erstaunt erfahre ich, dass der Wagen der Linie 655 am Ebertplatz die Nummer ändert und immer nach Hasten durchfährt. Aber weder an den elektronischen Anzeigen am Bahnhof Lennep, noch an den Aushangfahrplänen oder im Kursbuch der Stadtwerke Remscheid wird auf diese attraktive Durchbindung hingewiesen.

Von den Schwierigkeiten des Fahrkartenkaufes

Zum Monatswechsel will ich dann vom Viererticket auf Zeitkarte umsteigen. Da der Bus der Linie 615 von Wuppertal um 14.17 von Hasten nach Remscheid Mitte ausnahmsweise mal pünktlich ist – dass war bisher das einzige Mal! – erreiche ich einen früheren Bus nach Lennep und so entfällt der Aufenthalt in Lennep, den ich für Einkäufe, Bankgänge oder den Gang zum Personalbüro in Lennep nutze. Oft sitze ich auch lesend im Wartehäuschen und habe dafür in dieser Jahreszeit immer eine Thermosflasche heißen Tee dabei.

Diesmal wollte ich Geld abheben und mir dann am Büdchen die Monatskarte für Februar besorgen. Da ich aber ausnahmsweise mal pünktlich da war, hatte ich direkt Anschluss nach Radevormwald. Ich habe den Bus genutzt und wollte mir die Fahrkarte im Bergerhofer Kiosk holen. Nachdem ich am Bankautomaten wieder liquide geworden war, erfuhr ich, dass es in Bergerhof am Kiosk keine Fahrkarten mehr gibt.

Na gut, denke ich, dass ist ja im VRS, zu dem Radevormwald gehört, kein Problem, da gibt es ja alle Fahrkarten im Bus. Aber morgens kann der Busfahrer im ersten Wagen der Stadtwerke Remscheid keine Zeitkarten verkaufen. Fahren sie so mit, vielleicht geht das ja am Bismarckplatz, lautet die Auskunft. So komme ich immerhin bis Lennep. da aber das Büdchen am Bismarckplatz noch dunkel ist, fahre ich bis Bahnhof Lennep weiter. Hier gibt es ja Automaten. Aber, die verkaufen auch keine Zeitkarten.

Wie wird wohl der nächste Busfahrer reagieren? Wird er mich wieder mitnehmen oder wird der mich für einen besonders dreisten Schwarzfahrer halten? Und wenn ich mit dem Bus bis Hasten komme, muss ich ja noch sehen, wo ich eine Fahrkarte für die Rückfahrt bekommen. Eventuell gibt es diese um diese Zeit dann nur am Ebertplatz.

Ich müsste mir also sehr wahrscheinlich Fahrkarten kaufen für einen Zeitraum, den ich mit der Monatskarte schon abgedeckt hätte, wenn ich sie schon hätte. Unerwartet kommt Hilfe! Der Bus der Linie 336 des VRS trifft ein. Obwohl der Fahrer hier Pause hat verkauft er mir schnell die Monatskarte und dem anderen Bus, der gerade ankommt kann ich noch Zeichen geben, dass er auf mich wartet.

Kundenfreundlichkeit?

Dank des guten Personals hat es geklappt, ich habe meine Monatskarte und musste nicht vorher noch draufzahlen. Aber wie steht es um die Kundenfreundlichkeit? Muss das so kompliziert sein? Warum überhaupt ein so kompliziertes Tarifwesen? Warum keine Zeitkarten am Automaten oder beim Fahrer? Warum klein Nulltarif am Hauptwohnort und allen angrenzenden Nachbarstädten?

Busfahren ist doch umweltfreundlich! Wenn die PKW häufiger stehen bleiben und die Straßen entlastet werden, haben doch alle davon ihren nutzen, also können auch über die Steuern alle den öffentlichen Verkehr bezahlen! Vor allem verursacht der Fahrkartenverkauf ja auch Kosten und Unannehmlichkeiten!

Das vorne beim Fahrer Einsteigen und dann nach Hinten laufen im Gelenkbus ist weder beim häufigen bergischen Regenwetter, noch beim Anfahren des Busses schön. Das Einsteigen vorne und die Ticketkontrolle und der Verkauf verbrauchen Zeit und könne im schlimmsten Fall den Bis so verlangsamen, dass zusätzliche wagen für den Umlauf benötigt werden.

Warum kein Nulltarif?

Ein Nulltarif am Wohnort und allen Nachbarorten würde das ganze Theater um Bustarife beenden, er würde das Argument beseitigen, der Bus sei bei gelegentlichen Fahrten teurer, als das Auto, Kinder würden ihre Eltern seltener zu Fahrdiensten drängen, Innenstadtlagen profitieren von der guten Erreichbarkeit mit den Bussen, das Auto wird nur noch benutzt, wenn es andere Vorteile hat, Leute mit geringen Einkommen können mobil sein und besser am leben teilnehmen oder durch Nebenjobs ein Zusatzeinkommen erzielen, die Gesamtkosten des Nahverkehrs sinken.

Wenn die Fahrpreise entfallen kann der Nulltarif durch eine leichte Steuererhöhung finanziert werden. Denn dem Bürger ist es egal, ob über Fahrpreise oder Steuern ihm das Geld aus der Tasche fließt. Aber beim Nulltarif würde für das gleiche Geld ein besserer Busverkehr geschaffen und der Nutzen, den der Busverkehr schafft, wäre viel größer, da der Bus nun von viel mehr Menschen genutzt wird.

Gegen einen totalen Nulltarif für das ganze Land spricht, dass dies den Nahverkehr überlasten könnte und den Wettbewerb zu privaten Busunternehmen untergräbt. Bei Großveranstaltungen, wie Fußballspielen und Konzerten ist es sinnvoll, wenn Reisegruppen auch per Bus anreisen. Aber da, wo die täglichen Mobilitätsbedürfnisse bestehen, da wäre ein Nulltarif optimal.

Auf allen Buslinien, die nur in einem oder zwei Orten verkehren kann generell auf den Fahrkartenverkauf verzichtet werden. Einzig bei längeren Linien, die parallel zu Bahnstrecken verlaufen, muss es noch einen Fahrkartenverkauf geben, sofern es diesen auch auf der Schiene außerhalb der genannten Zone gibt.

Unmöglich, meinen Sie? Dann sollten Sie sich mal dieses Beispiel hier ansehen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Personennahverkehr_in_Hasselt

Über den Autor: Der 1966 geborene Felix Staratschek ist Mitglied der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP) im Bergischen Land und gehört dem Fahrgastverband Pro Bahn e.V. an. Er machte sich in jüngster Vergangenheit vor allem als Befürworter im Streit um die Wiehltalbahn einen Namen.

6 Responses


  1. Steuerzahler
    07.02.11 um 12:29

    Ich stimme mit Ihnen überein, dass Fahrplanauskünfte und Fahrkartenerwerb oftmals mit Hindernissen verbunden sind. Generell aber auf Fahrpreise bei Bussen (und Straßenbahnen?) zu verzichten, halte ich für den falschen Weg. Wie will man Besucher aus weiter entfernt liegenden Orten behandeln, die z.B. ihr Auto am Stadtrand abstellen (Park & Ride)?


  2. Oyster-Card
    07.02.11 um 13:14

    Der Fahrkartenerwerb ist in Deutschland mit sehr vielen Hindernissen verbunden, das ist vollkommen richtig. Der Vorschlag, den Busverkehr größtenteils kostenfrei anzubieten, löst einige Probleme, jedoch bleiben die Probleme beim Fahrkartenkauf im Zugverkehr bestehen. Hier frage ich mich, warum man nicht deutschlandweit ein System analog zur Oyster-Card in London einführt. Die Oyster-Card ist eine Guthabenkarte, die man einfach zu Beginn und am Ende der Reise an ein Lesegerät hält. Der Fahrpreis wird automatisch ermittelt und vom Guthaben abgezogen (Fahrpreis wird am Ende der Reise angezeigt). Fährt man häufig an einem Tag, wird automatisch der günstigste Tarif genommen (Tageskarte). Aufladen kann man die Karte am Automaten mit Kreditkarte oder Bargeld (nur Scheine, Wechselgeld nicht notwendig). Mit dieser Karte wird der Fahrkartenkauf zum Kinderspiel.

    Nachteil dieses Systems ist, dass theoretisch Bewegungsprofile erstellt werden können. Dieser Nachteil ist jedoch gleichzeitig ein Vorteil, denn so können die Anbieter sehr einfach die Auslastung der einzelnen Linien auswerten (Fahrgastzählungen werden überflüssig) und darüber hinaus besonders häufig benutzte Umsteigeverbindungen herausfiltern und ggf. Umsteigezeiten optimieren oder zusätzliche Direktverbindungen einführen.

  3. Ich halte das für eine Utopievorstellung. Es ist zwar eine gute Idee Busverkehr um sonst zu gestalten, aber dann könnte man auch sagen, dass wir alles umsonst machen (Essen…) und jeder einfach nur seine Arbeit leisten sollte (Sozialismus).Ich glaube man sollte versuchen einige Dinge im Bussystem zu vereinfachen wie z.B. Fahrkarten, aber trotzdem sollten wir unser momentanes Wirtschaftssystem nicht aufgeben, auch nicht bei Bus&Bahn.


  4. Andy Taduc
    08.02.11 um 21:59

    Ich finde die Idee mit der Oyster Card genial, erfordert zwar einges an Investition in die technische Infrastruktur, die es aber teilweise schon gibt (elektronische Ticketkontrolle der Zeitfahrkarte in VRR Bussen). Dieses System ermöglicht eine sehr flexible Nutzung des ÖPNV, dabei werden Missbrauchsmöglichkeiten z.B. durch Besucher aus weiter entfernten Orten verhindert. In Hong Kong gibt es auch so eine Karte wie die Oyster Card.

  5. Ich glaube, dass das Elektroauto den Nulltarif erzwingen wird. Denn dass kann an jeder Steckdose aufgeladen werden, also während der 8 Stunden Arbeit oder während der 10 bis 15 Stunden, wo es zu Hause steht. Und wer eine abgeschrieben Solaranlage auf dem dach hat, kann damit auch sein Fahrzeug laden. Und Umsonst ist der Nahverkehr ja auch beim Nulltarif nicht. Er wird nur anders bezahlt, um bei gleichen Mitteleinsatz mehr Nutzen zu stiften. Der Personalausweis mit eingetragenen Hauptwohnort oder ein vom Einwohnermeldeamt herausgegebener Ausweis zeigen an, wo jeder fahren darf und werden dann die Fahrkarte. Einzig einige Großstädte werden noch Fahrkartenverkauf haben, wenn die Zahl der Einpendler aus entfernteren Orten sehr hoch ist. Aber auch diese Pendler bekommen ja einen Teikl ihrer Fahrt zum Nulltarif. Der Automatenverkauf kann aber von der Haltestelle in die Fahrzeuge verlagert werden. Durch den Nulltarif am Hauptwohnsitz und in den Nachbarstädten soll die Nähe gefördert werden, es sollen die täglichen sozialen Beziehungen leichter pflegbar sein. Zur Finanzierung trägt auch bei, dass jeder Busfahrer, der zusätzlich gebraucht wird, einen Hartz-IV- Empfänger ersetzt.

    Siehe auch die Diskussion hier: http://zughalt.de/2011/07/20/das-sozialticket-kommt-auch-im-vrr/#comment-6728

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