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Historischer Beiwagen fährt wieder durch Nürnberg

02.07.12 (Bayern) Autor:Jürgen Eikelberg

Von der Pferdebahnwagenzeit bis zur Gegenwart – in der Fahrzeugsammlung im Historischen Straßenbahndepot St. Peter sind Zeitzeugen aller wichtigen Epochen der Nürnberger Straßenbahngeschichte vertreten. Die schönsten Straßenbahnwagen von 1881 bis heute können dort bewundert werden und kommen bei historischen Fahrten noch immer zum Einsatz.

Nur an einer bedeutenden Stelle hatte die Sammlung historischer Wagen bisher eine Lücke: Die Jahre 1896 bis 1925 waren nur teilweise repräsentiert. Es gab zwar im Depot mit den Triebwagen 204 (Baujahr 1904) und 701 (Baujahr 1913) zwei Meilensteine in der Geschichte der Straßenbahn, doch einen vollständigen Beiwagen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg gab es leider nicht. Diese Lücke konnte nun gefüllt werden – der Jugendstilbeiwagen 336 (Baujahr 1906) wurde originalgetreu restauriert und kann nach seiner Zulassung im Rahmen von historischen Fahrten wieder auf Tour durch Nürnberg gehen. Am Donnerstag, 28. Juni 2012 wurde das Schmuckstück erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Am offenen Wochenende im Historischen Straßenbahndepot St. Peter am Samstag, 7. und Sonntag, 8. Juli 2012 haben dann alle Besucher die Möglichkeit den Beiwagen 336 zu bewundern. Für das Projekt 336 hatte Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly die Schirmherrschaft übernommen.

Gebaut wurde der Beiwagen 1906 von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) und den Siemens-Schuckert-Werken (SSW) in Nürnberg. Er war Teil der ersten Serie von Straßenbahn-Anhängern, die von der Stadt Nürnberg beschafft wurde. Damals wuchsen das Streckennetz und die Fahrgastzahlen rasant und der Bedarf an neuen Straßenbahnwagen und vor allem einer höheren Beförderungskapazität war hoch. Die Beiwagen der Reihe 301 – 336 hatten Wagenkästen aus Holz und verglaste Plattformen. Ihre Einstiege waren mit Klappgittern abgeschlossen. Von der Einstiegsplattform führten Schiebetüren mit Holzintarsien in den Fahrgastraum, der zwei Längsbänke aus Eichenholz hatte. Auf dem Wagendach saß ein Lüftungsaufbau, der bis zu den Stirnwänden durchgezogen war – das sogenannte Laternendach. Das Wageninnere wurde von kunstvollen Messinglüstern beleuchtet. Kurzum: Die Wagen passten stilistisch ganz genau in ihre Zeit. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Beiwagen zum Arbeitswagen umgebaut, später gehörte er zum Bestand des historischen Fahrzeuge der VAG.

Die Verkehrsbetriebe der Nürnberger Partnerstadt Krakau erklärten sich bereit, den Wiederaufbau des Wagens in ihren Werkstätten durchzuführen. Die Mitarbeiter der Krakauer Verkehrsbetriebe Miejskie Przedsiebiorstwo Komunikacyjne (MPK) hatten ihr handwerkliches Können in Bezug auf historische Straßenbahnwagen bereits mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Schon 1984 hatten sie den

ehemaligen Nürnberger Straßenbahnwagen 144, der 1941 nach Krakau verkauft worden war, originalgetreu rekonstruiert. Heute ist dieser Wagen eines der besonderen Schmuckstücke in der Sammlung historischer Straßenbahnwagen in Nürnberg. Und auch für andere Städte – zum Beispiel Zwickau oder Bielefeld – hat MPK in der Vergangenheit schon historische Fahrzeuge restauriert.

Die Kosten für den fachgerechten Wiederaufbau des Beiwagens 336 auf Grundlage der noch vorhandenen Originalteile in einer Form, die eine spätere Zulassung für historische Sonderfahrten sicherstellt, beliefen sich auf rund 190.000 Euro. Die „Freunde der Nürnberg-Fürther Straßenbahn“ begannen bereits im Jahr 2006, Spenden für das Projekt zu sammeln. Auch im Rahmen spezieller Angebote wurde Geld für die Rekonstruktion des Beiwagens akquiriert.

Die Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg hat das Projekt mit einer Zuwendung in Höhe von 30.000 Euro unterstützt und damit wesentlich zur Finanzierung dieses einmaligen Projekts beigetragen.

Am Wochenende 7. und 8. Juli 2012 wird nicht nur der rekonstruierte Jugendstilbeiwagen erstmals im Historischen Straßenbahndepot St. Peter zu sehen sein, sondern die deutschpolnische Sonderausstellung „Nürnberg-Krakau und zurück“, die in Kooperation mit dem Straßenbahnmuseum in Krakau entstanden ist. Sie beleuchtet die Zusammenarbeit der MPK und der VAG in den vergangenen 75 Jahren. Sie ist noch bis Sonntag, 7. Oktober jeweils am ersten Wochenende im Monat im Rahmen der offenen Depot-Wochenende zu besichtigen.

Bild: VAG/Claus Felix

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