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Abellio in NRW vor dem Aus

22.11.21 (Hessen, Nordrhein-Westfalen, NVR, NWL, VRR) Autor:Stefan Hennigfeld

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden alle Verträge der Abellio Rail NRW GmbH zum 31. Januar 2022 vorzeitig beendet. Die drei zuständigen Aufgabenträger arbeiten derzeit an Notvergaben, um einen reibungslosen Folgebetrieb zu sichern. Eine Einigung mit dem im Schutzschirmverfahren befindlichen Unternehmen wird nicht mehr erwartet.

Zwar hatte Abellio mit seinem Gesellschafter der niederländischen Staatseisenbahn am vorvergangenen Freitag noch einmal ein verbessertes Angebot vorgelegt, das ist allerdings ebenfalls abgelehnt wurde. Zur Begründung führen die Aufgabenträger an, dass Abellio trotz deutlicher Hinweise, in welchen Punkten ihr letztmögliches Angebot Nachbesserungen im Vergleich zu den bisherigen Vorschlägen enthalten müsste, keinen nennenswerten neuen Beitrag vorgelegt hat.

„Vier Stunden, bevor das aktuelle Angebot bei den Aufgabenträgern eingegangen ist, hat die Abellio Rail GmbH eine Presseinformation mit der Ankündigung der beabsichtigten Angebotsabgabe an die Medien versandt. Dieser, VRR, NWL und NVR als Vertragspartnern gegenüber, beispiellose Vorgang, hat auf unserer Seite den Eindruck erweckt, dass Abellio die Bekanntmachung der Abgabe mitsamt der unternehmenseigenen Einordnung wichtiger ist als das Angebot selbst“, erklärt VRR-Vorstandssprecher Ronald Lünser.

VRR, NWL und NVR streben deswegen die Neuvergabe der betroffenen Verträge an. Wer die betreffenden Linien in Zukunft bedienen könnte, ermitteln die Aufgabenträger derzeit in einer freiwilligen ex-ante-Transparenzbekanntmachung zur Neuvergabe. Oberste Priorität hat für die Aufgabenträger die Absicherung von Zuverlässigkeit und Qualität auf den derzeit von Abellio in NRW und angrenzenden Räumen betriebenen Linien sowie die Sicherung der Arbeitsplätze der derzeit noch bei Abellio Rail NRW beschäftigten Mitarbeitern.

Im Falle der Direktvergaben sollen keine Arbeitsplätze verloren gehen, die Aufgabenträger werden den Übergang von an einem Wechsel interessiertem Personal unterstützen. Allerdings wird es jetzt nicht billiger für die öffentliche Hand. Die Deutsche Presseagentur beruft sich auf ein internes Schreiben aus dem Verkehrsministerium, wonach insgesamt rund 380 Millionen Euro bereitgestellt werden müssen, um die zusätzlichen Kosten für die Neuvergaben zu stemmen – die entstehen im Vergleich zu einem Szenario, in dem Abellio alle Verträge bis zum Ende durchgefahren wäre.

Diese 380 Millionen Euro stellt die Landesregierung aus nicht verausgabten Regionalisierungsgeldern zur Verfügung. Diese betrugen für NRW zum Stichtag 31. Dezember 2020 knapp 880 Millionen Euro. Jetzt lautet das Ziel, den Beschäftigten einen möglichst nahtlose Übergang zu ermöglichen. Im Rahmen der anstehenden Überleitungen an andere EVU auf den bislang von Abellio betriebenen Strecken wollen die Aufgabenträger den Übergang von an einem Wechsel interessiertem Personal begleiten und unterstützen. Aber auch Abellio ist dazu aufgerufen, einen solchen Prozess aktiv zu unterstützen.

„Wir sehen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Abellio in dieser schon seit Monaten belastenden Situation ihr Bestes geben und hervorragende Arbeit leisten“, sagt Joachim Künzel, Geschäftsführer des NWL. „Uns ist es daher umso wichtiger, diesen hochqualifizierten Fachkräften zu sagen, dass sie mit ihren Fähigkeiten auch in Zukunft gebraucht werden, um die Verkehre auf den derzeit von Abellio betriebenen Linien weiterhin in hoher Qualität zu sichern.“

„Trotz der anspruchsvollen Rahmenbedingungen werden wir alle gemeinsam unser Bestes tun, um den Fahrplan so weit wie möglich aufrecht zu erhalten“, so Heiko Sedlaczek, Geschäftsführer des NVR. „Unser Ziel ist es, die Einschränkungen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten. Wir werden unsere Fahrgäste aber in jedem Fall frühzeitig über etwaige Änderungen informieren, damit sich diese hinsichtlich ihrer Reiseplanung darauf einstellen können.“

Bis zum 31. Januar 2022 ist das EVU aufgrund einer Ende September mit den Aufgabenträgern abgeschlossenen Fortführungsvereinbarung verpflichtet, die Verkehre im bisherigen Umfang zu leisten. Das geht aber nur, wenn die Mitarbeiter auch bis zum Schluss bleiben und dann idealerweise am 1. Februar einem neuen Betreiber zur Verfügung stehen – womöglich in den gleichen Zügen und mit anderen Aufnähern an der Unternehmensbekleidung. Ob es nur ein wenig ruckeln oder ob es chaotische Szenen geben wird, kann man im Moment noch nicht sagen.

Siehe auch: Es bleibt ein solides Rest-Abellio

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