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Lehrstellen schaffen, Zukunft sichern

05.09.13 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Als sich meine Zeit in der Sekundarstufe 1 vor der Jahrtausendwende dem Ende zuneigte, war es ein großes Thema: Für viele Arbeitgeber ist ein Auszubildender nur eine billige Arbeitskraft. Doch letztlich hielten sich so zwei Dinge in der Waage: Auf der einen Seite hatten junge Erwachsene, nachdem sie drei Jahre eine billige Arbeitskraft waren, einen Beruf gelernt, in dem sie arbeiten konnten und auf der anderen Seite hatten die Arbeitgeber mit ihren billigen Arbeitskräften den Nachwuchs gesichert.

Es folgte die Renaissance des Frühkapitalismus in den Nullerjahren und damit einhergehend auch Veränderungen in der Ausbildungspolitik der Unternehmen. Die rot-grüne Bundesregierung hat Jahrespraktikanten eingeführt. Die Idee war gar nicht verkehrt: Jugendliche mit schlechten Zeugnissen sollten im Betrieb die Möglichkeit kriegen, sich zu bewähren und zu zeigen, dass sie mehr drauf haben als die Lehrer ihnen bescheinigen. In der Realität war das nicht ganz so toll, denn viele Unternehmen hörten auf, Jugendlichen eine Lehrstelle anzubieten, denn sie hatten nun die Wahl zwischen Azubis als billige und Dauerpraktikanten als kostenlose Arbeitskräfte.

So wurde Lehrstellenabbau gesät und einige Jahre später Facharbeitermangel geerntet. Das war im Großen und Ganzen auch in der ÖV-Branche nicht anders. In Zeiten, in denen die Arbeitsämter oder Jobcenter, wie sie nach den Hartzreformen hießen, ihren „Kunden“ die Bildungsgutscheine hinterher geschmissen haben, konnte man sich auch im ÖV-Sektor darauf verlassen, dass das Amt schon für ausreichend Nachwuchs sorgen würde und das gratis. Später, als die schwarz-gelbe Bundesregierung dann einen Großteil der Arbeitslosenförderung wegrationalisiert hat und darüber hinaus die Zahl der Schulabgänger aus demographischen Gründen sinkt, steht man da: Es werden eben nicht mehr ohne Ende neue Leute frei Haus geliefert, sondern man muss was tun.

Während man über Einwanderung diskutiert hat, wurde Deutschland zum Auswanderungsland, immer mehr junge Menschen suchen ihr Glück woanders. Deutschland ist im EU15-Bereich heute ein Niedriglohnland und die Unternehmen spüren das: Die Arbeitnehmerfreizügigkeit heißt nämlich auch, dass Deutsche nach Österreich, in die Niederlande oder nach Skandinavien gehen können ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Die Folge: Nur die besten Unternehmen können sich ihre Auszubildenden noch aussuchen.

Hier hat die ÖV-Branche die Zeichen der Zeit früh erkannt, dafür ist ein großes Lob zu zollen. Nicht nur die Deutsche Bahn mit ihrer Strategie DB-2020, auch viele kommunale Unternehmen und Wettbewerbsbahnen suchen frühzeitig den Kontakt mit Jugendlichen, starten Schulkooperationen und halten ihre Bewerberzahlen hoch. Gleichzeitig ist der Busfahrer immer nur seltener nur ein Typ mit Führerschein, sondern ein jemand, eine Fachkraft im Fahrbetrieb. Auch hier wird verstärkt ausgebildet. So macht man sich gleich doppelt attraktiv: Für die Kunden auf der einen und für die zukünftigen Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Der ÖPNV als Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber: Daran muss man sich erst gewöhnen. Aber nur wenige Arbeitsplätze sind sicherer.

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