Baustellen werden zum Dauerzustand
28.09.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Das „Jahrzehnt der Baustellen“ klingt euphemistisch. Wer sich den Zustand der deutschen Eisenbahninfrastruktur ansieht, muss sich darauf einstellen, dass Sanierungen, Sperrungen und Ersatzverkehre bis weit in die 2040er Jahre hinaus zum Alltag gehören werden. Die Generalsanierung der Hochleistungskorridore ist bis 2036 gestreckt. Aber damit ist nur ein Teil des Netzes erfasst. Wer die Masse an ausstehenden Erneuerungen betrachtet, muss mit Baustellen als Dauerzustand Jahre rechnen.
Das ist kein Naturgesetz, sondern die Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung. Über viele Jahre wurde Infrastruktur genutzt, ohne sie im nötigen Umfang zu erneuern. Was damals an Investitionen verschoben wurde, fällt heute auf den Betrieb zurück. Fahrgäste erleben die Folgen als Langsamfahrstellen, Umleitungen, Zugausfälle und Sperrungen.
Nordrhein-Westfalen liefert dafür Beispiele. Die Müngstener Brücke zwischen Solingen und Remscheid steht historisch für das Problem. Das mehr als hundert Jahre alte Bauwerk musste über Jahre grundlegend saniert werden, verbunden mit langen Einschränkungen. Die Brücke konnte erhalten werden – aber erst mit erheblichem Aufwand.
Wie schnell aus dem Zustand eines einzelnen Bauwerks ein betriebliches Problem wird, zeigte in diesem Sommer die Wupperbrücke in Leverkusen-Opladen. Ausgerechnet zum Ende der Generalsanierung Hagen–Wuppertal–Köln wurde ein Riss in einer Lagerplatte entdeckt. Ein Gleis musste gesperrt werden. Die Brücke ist inzwischen instandgesetzt, ab Oktober soll wieder der reguläre Fahrplan gelten, allerdings mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung. Die umfassende Sanierung, ursprünglich erst für die 2030er Jahre vorgesehen, soll vorgezogen werden.
Such auf der Ruhr-Sieg-Strecke sind beschädigte Brücken längst keine abstrakte Zustandsnote mehr. Wegen Schäden an Bauwerken in Kirchhundem fährt die IC-Linie 34 seit April 2026 nicht mehr über die Strecke. Auf der oberen Ruhrtalbahn müssen vier Brücken instandgesetzt oder ersetzt werden; die Arbeiten erwiesen sich nach erneuten Untersuchungen als umfangreicher als zunächst angenommen.
Es ist deshalb richtig, dass die DB Infrago in Nordrhein-Westfalen mehr Brücken erneuern und zusätzliche Fachkräfte einstellen will. Aber 23 Erneuerungen pro Jahr zeigen die Dimension der Aufgabe, wenn in den kommenden Jahren hunderte Brücken saniert oder ersetzt werden müssen. Den Fahrgästen sollte niemand vormachen, nach einigen Jahren Generalsanierung sei das Problem erledigt.
Deutschland befindet sich nicht in einem Jahrzehnt der Baustellen, sondern in einer Phase des Nachholens. Entscheidend ist, dass daraus irgendwann wieder normale Vorsorge wird: Brücken müssen ersetzt werden, bevor Risse den Fahrplan diktieren, Stellwerke bevor Ersatzteile fehlen und Strecken bevor ihr Zustand nur noch mit Notmaßnahmen beherrscht werden kann. Baustellen werden bleiben. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, den Sanierungsstau so abzubauen, dass künftige Generationen bessere Zustände erben.
Siehe auch: NRW startet Brückenoffensive
Foto: Deutsche Bahn AG / Georg Wagner