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Erst stabilisieren, dann wieder wachsen

24.08.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Die Berliner Verkehrsbetriebe AöR (BVG AöR) haben in den vergangenen Jahren erfahren, wie schnell ein großes Nahverkehrssystem ins Wanken geraten kann, wenn Fahrzeuge fehlen, Personal knapp wird und der Betrieb immer unzuverlässiger erscheint. Vor diesem Hintergrund war der Kurs „Stabilität vor Wachstum“ richtig. Ein größeres Angebot hilft niemandem, wenn angekündigte Busse und Bahnen regelmäßig ausfallen.

Die Halbjahreszahlen zeigen nun, dass dieser Kurs offenbar Wirkung entfaltet. Neue U-Bahn-Wagen kommen in größerer Zahl in den Betrieb, zusätzlich wurden Hunderte neue Mitarbeiter eingestellt. Dass zum Ende der Sommerferien erstmals seit Ende 2023 wieder Angebotsverbesserungen im Busverkehr möglich sind, ist deshalb ein wichtiges Signal. Wachstum ist dann sinnvoll, wenn die betriebliche Basis trägt. Die hohen Werte bei Bus und Straßenbahn zeigen zugleich, dass sich Stabilität nicht allein an einem Verkehrsmittel entscheidet.

Gerade bei den Zuverlässigkeitswerten sollte die BVG AöR allerdings vorsichtig mit allzu großer Selbstzufriedenheit sein. Werte von 98 oder 99 Prozent klingen hervorragend, sie sind aber um äußere Einflüsse wie Baustellen, Streiks oder Polizeieinsätze bereinigt. Für die interne Steuerung ist das nachvollziehbar. Für Fahrgäste ist die Ursache eines Ausfalls aber zweitrangig. Wenn der Zug nicht fährt, fährt er nicht. Die BVG AöR kann ihre Statistik bereinigen – der Fahrgast seinen Alltag nicht.

Deshalb muss sich die Verbesserung auch in der tatsächlich erlebten Zuverlässigkeit niederschlagen. Neue Fahrzeuge helfen dabei ebenso wie genügend Personal. Gerade Letzteres bleibt eine Daueraufgabe. Neue Mitarbeiter zu gewinnen ist wichtig, sie dauerhaft im Unternehmen zu halten aber mindestens ebenso sehr. Verlässliche Dienstpläne, gute Arbeitsbedingungen und funktionierende Technik entscheiden mit darüber, ob aus einer Personaloffensive eine nachhaltige Stabilisierung wird.

Auch bei der Fahrzeugflotte darf sich die Vergangenheit nicht wiederholen. Wer Erneuerungen zu lange aufschiebt, zahlt später mit geringerer Verfügbarkeit und einem immer höheren Instandhaltungsaufwand. Die jetzt laufende Beschaffung ist deshalb kein Luxus, sondern Voraussetzung für einen stabilen Betrieb.

Gleichzeitig darf „Stabilität vor Wachstum“ nicht irgendwann zu „Stabilität statt Wachstum“ werden. Berlin wächst, neue Quartiere entstehen und bestehende Verbindungen stoßen an ihre Grenzen. Projekte wie neue Straßenbahnstrecken oder die Verlängerung der U8 bleiben notwendig. Wenn Personal und Fahrzeuge wieder ausreichend verfügbar sind, muss deshalb auch der Ausbau des Netzes weitergehen.

Die BVG AöR scheint aus der schwierigsten Phase herauszukommen. Das ist ein Fortschritt, aber noch kein Grund, sich zurückzulehnen. Entscheidend wird sein, ob die Verbesserungen dauerhaft im Alltag der Fahrgäste ankommen. Erst dann ist aus einer guten Halbjahresbilanz tatsächlich ein stabiler Nahverkehr geworden – und erst dann kann Berlin wieder mit gutem Grund über Wachstum reden.

Siehe auch: BVG AöR stabilisiert Betrieb
Foto: Berliner Verkehrsbetriebe AöR / Florian Bündig

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