Neue Struktur statt neue App
16.07.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Dass die Deutsche Bahn zusätzlich 50 Millionen Euro in eine bessere Kundenkommunikation investiert, ist zunächst eine gute Nachricht. Wer regelmäßig mit der Bahn unterwegs ist, weiß, wie wichtig schnelle Informationen über Verspätungen, Gleiswechsel oder Zugausfälle sind. Wenn Fahrgäste künftig innerhalb weniger Sekunden statt erst nach einer Minute über Änderungen informiert werden, ist das ein echter Fortschritt.
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz kann sinnvoll sein, wenn dadurch Informationen schneller, verständlicher und individueller bereitgestellt werden. Doch genau an dieser Stelle endet die gute Nachricht. Denn das eigentliche Problem der digitalen Kundeninformation wird erneut nicht angegangen.
Seit Jahren wird darüber diskutiert, dass der DB Navigator weit mehr ist als eine einfache Fahrplan-App. Er ist die zentrale digitale Plattform des deutschen Eisenbahnverkehrs. Millionen Fahrgäste nutzen ihn täglich. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Plattform weiterhin von DB Fernverkehr betrieben wird – also von einem Eisenbahnverkehrsunternehmen, das selbst im Wettbewerb mit anderen Anbietern steht.
Genau darin liegt der Interessenkonflikt. Wer gleichzeitig Marktteilnehmer und Betreiber der wichtigsten Vertriebsplattform ist, besitzt zwangsläufig einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Selbst wenn dieser Vorteil fair genutzt wird, bleibt immer der Eindruck bestehen, dass ein Unternehmen über eine Infrastruktur verfügt, die eigentlich allen Marktteilnehmern gleichermaßen offenstehen müsste.
Deshalb überrascht vor allem eine andere Nachricht: Obwohl das Bundesverkehrsministerium bereits seit Monaten eine Übergabe an die Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo fordert, bleibt alles beim Alten. Offenbar konnte sich erneut der DB-Konzern mit seinen internen Interessen gegen den politischen Willen des Eigentümers durchsetzen. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, wer bei der Deutschen Bahn tatsächlich die strategischen Entscheidungen trifft.
Auch die angekündigte zusätzliche App überzeugt nur bedingt. Fahrgäste wünschen sich keine immer größere Zahl unterschiedlicher Anwendungen, sondern eine zentrale, verlässliche und neutrale Plattform. Genau das wäre die Chance gewesen: eine digitale Infrastruktur, die allen Eisenbahnverkehrsunternehmen offensteht, gemeinsam weiterentwickelt wird und unnötige Doppelentwicklungen vermeidet.
Stattdessen investiert die Bahn nun in neue Funktionen, ohne die grundlegende Organisationsfrage zu lösen. Das mag kurzfristig für bessere Informationen sorgen, ändert aber nichts an den bestehenden Strukturen. Moderne Technik kann vieles verbessern. Sie ersetzt jedoch keine sinnvolle Governance.
Die zusätzlichen Millionen sind deshalb gut angelegtes Geld – aber nur für die Symptome. Wer den Eisenbahnverkehr wirklich digital modernisieren will, muss auch den Mut haben, die Macht über die wichtigste Plattform neu zu ordnen. Erst eine neutrale Lösung würde den Wettbewerb stärken und den Fahrgästen langfristig den größten Nutzen bringen.
Siehe auch: DB AG will Kommunikation verbessern
Foto: Deutsche Bahn AG / Dominic Dupont