Eisenbahnjournal Zughalt.de

Nachrichten über Eisenbahn und öffentlichen Verkehr

  • Schlagwörter

Ein Warnschuss für die digitale Eisenbahn

02.07.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Der bundesweite Ausfall des Zugfunks war mehr als eine technische Panne. Er war ein Offenbarungseid. Wenn der Austausch einer einzelnen Netzwerkkomponente genügt, um den Eisenbahnverkehr in ganz Deutschland zum Stillstand zu bringen, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, wie belastbar die technische Infrastruktur tatsächlich ist. Dass eine vorhandene Redundanz wegen eines Softwarefehlers nicht ansprang, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil: Redundanz existiert genau für solche Fälle. Versagt sie, versagt das Sicherheitskonzept.

Natürlich ist es richtig, dass DB InfraGo den Vorfall vergleichsweise transparent aufgearbeitet hat. Die angekündigten Konsequenzen sind sinnvoll und längst überfällig. Wartungsarbeiten künftig ausschließlich auf der inaktiven Redundanz durchzuführen, hätte eigentlich schon immer selbstverständlich sein müssen. Ebenso darf ein Hersteller keine Software ausliefern, die im Fehlerfall nicht einmal Alarm schlägt. Dass dies überhaupt möglich war, wirft Fragen nach Qualitätssicherung und Testverfahren auf.

Noch gravierender ist allerdings die politische Dimension. Seit Jahren wird von Digitalisierung, Modernisierung und Zeitenwende gesprochen. Gleichzeitig basiert der Zugfunk noch immer auf einer Technik, die in der öffentlichen Mobilfunkwelt längst Geschichte ist. Natürlich kann die Deutsche Bahn FRMCS nicht allein einführen. Die fehlende europäische Spezifikation ist ein reales Hindernis. Doch daraus folgt nicht, dass man sich bequem zurücklehnen darf. Deutschland hätte längst stärker auf eine Beschleunigung der europäischen Verfahren drängen müssen. Stattdessen verliert man wertvolle Jahre.

Ebenso unerquicklich ist die reflexhafte Berufung auf Investitionsrückstände der Vergangenheit. Ja, diese gibt es. Aber wer heute Verantwortung trägt, kann sich nicht dauerhaft hinter den Fehlern früherer Regierungen verstecken. Fahrgäste interessiert nicht, wer vor zwanzig Jahren zu wenig investiert hat. Sie erwarten, dass der Bahnverkehr heute funktioniert. Und zwar auch dann, wenn nachts ein Switch ausgetauscht wird.

Der Vorfall zeigt vor allem eines: Die Eisenbahn ist inzwischen so stark digitalisiert, dass einzelne technische Fehler enorme Auswirkungen entfalten können. Genau deshalb müssen die Ansprüche an Stabilität, Tests und Ausfallsicherheit deutlich höher sein als bisher. Es reicht nicht, nach einer Großstörung neue Arbeitsanweisungen zu schreiben. Die Systeme müssen so robust sein, dass ein einzelner Softwarefehler niemals wieder den Verkehr einer ganzen Nation lahmlegen kann.

Dieser Ausfall darf deshalb nicht als bedauerlicher Einzelfall in die Akten wandern. Er muss ein Weckruf sein – für DB InfraGo, für die Hersteller und vor allem für die Politik. Denn wer die Eisenbahn zur tragenden Säule der Verkehrswende machen will, muss endlich dafür sorgen, dass ihre digitale Infrastruktur diesem Anspruch auch gerecht wird.

Siehe auch: Bundesweiter Zugfunk-Ausfall legt Bahnverkehr lahm
Foto: Deutsche Bahn AG / Thomas Niedermüller

Kommentare sind geschlossen.