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Aus Mangel wird kein Wettbewerb

09.07.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Wettbewerb auf der Schiene soll den Fahrgästen bessere Angebote, mehr Qualität und attraktivere Preise bringen. Insofern ist das Vorhaben der Bundesnetzagentur nachvollziehbar: Wer neue Fernverkehrsangebote etablieren will, muss Milliarden in Fahrzeuge, Personal und Vertrieb investieren. Diese Investitionen werden nur getätigt, wenn Unternehmen darauf vertrauen können, später auch tatsächlich auf die Strecke zu kommen. Planungssicherheit ist deshalb eine wichtige Voraussetzung für einen funktionierenden Markt.

Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Denn die Wettbewerberklausel löst nicht das eigentliche Problem des deutschen Eisenbahnnetzes. Sie verteilt lediglich knappe Kapazitäten anders. Wo heute schon zu wenig Trassen vorhanden sind, entstehen durch eine Quote keine zusätzlichen Fahrmöglichkeiten. Es wird lediglich festgelegt, wer die vorhandenen Trassen nutzen darf.

Genau deshalb sind die Einwände des Bundesverbands Schienennahverkehr ernst zu nehmen. Der Regionalverkehr bildet das Rückgrat der Mobilität für Millionen Menschen. Er ist langfristig geplant, eng mit den Takten anderer Linien verzahnt und wird von den Ländern mit erheblichen Steuermitteln finanziert. Wenn zusätzliche Fernverkehrszüge dazu führen, dass Regionalzüge aus ihrem Takt geraten, Anschlüsse verloren gehen oder Halte entfallen, wäre niemandem geholfen. Ein günstiges Fernverkehrsticket gleicht einen schlechteren Nahverkehr nicht aus.

Allerdings wäre es ebenso falsch, aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, Wettbewerb im Fernverkehr sei unerwünscht. Die Deutsche Bahn sollte sich dem Wettbewerb stellen müssen. Neue Anbieter bringen oft frische Ideen, zusätzliche Verbindungen und einen Innovationsdruck, von dem letztlich auch der Platzhirsch profitiert. Gerade auf einem Markt, der über Jahrzehnte nahezu monopolistisch geprägt war, ist mehr Wettbewerb grundsätzlich eine gute Nachricht.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Wettbewerb richtig oder falsch ist. Sie lautet vielmehr, warum sich Fern- und Nahverkehr überhaupt um die wenigen verfügbaren Trassen streiten müssen. Die Antwort ist ebenso einfach wie unerquicklich: Das Netz ist an vielen Stellen längst an seiner Belastungsgrenze angekommen. Jahrzehntelang wurde zu wenig gebaut, modernisiert und erweitert. Nun versucht die Regulierung, einen Mangel möglichst gerecht zu verwalten. Das kann kurzfristig notwendig sein. Dauerhaft ersetzt es jedoch keine Infrastrukturpolitik.

Solange neue Gleise, zusätzliche Überholmöglichkeiten und leistungsfähigere Knoten fehlen, bleibt jede Trassenvergabe ein Verteilungskampf. Heute konkurriert der DB Fernverkehr mit neuen Marktteilnehmern, morgen möglicherweise der Fernverkehr mit dem Nahverkehr, übermorgen vielleicht der Güterverkehr mit beiden.

Mehr Wettbewerb ist richtig. Aber er darf nicht dazu führen, dass ein Verkehrsträger gegen den anderen ausgespielt wird. Die Bundesnetzagentur kann faire Regeln schaffen. Für ausreichend Kapazität muss jedoch die Politik sorgen.

Siehe auch: Bundesnetzagentur: Mehr Wettbewerb im Fernverkehr
Foto: Deutsche Bahn AG / Wolfgang Klee

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