Gute Mobilität braucht Verlässlichkeit
29.06.26 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Berlin verfügt über das dichteste Nahverkehrsangebot Deutschlands. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langfristigen Verkehrspolitik. Wer in der Hauptstadt unterwegs ist, erreicht die meisten Ziele mit Bus und Bahn schnell und zuverlässig. Genau darin liegt aber auch die eigentliche Botschaft des vorliegenden Gutachtens: Ein leistungsfähiger Nahverkehr entsteht nicht von selbst. Er muss dauerhaft finanziert und kontinuierlich weiterentwickelt werden.
In der politischen Debatte wird häufig so getan, als sei guter öffentlicher Verkehr vor allem eine Frage des politischen Willens. Tatsächlich entscheidet jedoch etwas anderes: die Bereitschaft, dauerhaft Geld in Fahrzeuge, Infrastruktur, Werkstätten und Personal zu investieren. Wer immer nur neue Projekte ankündigt, aber den Bestand vernachlässigt, wird langfristig scheitern.
Gerade der öffentliche Verkehr lebt von seiner Zuverlässigkeit. Diese lässt sich nicht zum Nulltarif organisieren. Berlin zeigt zugleich, dass Qualität und Wirtschaftlichkeit durchaus zusammenpassen. Der hohe Anteil der Fahrgeldeinnahmen belegt, dass ein attraktives Angebot mehr Menschen überzeugt.
Fahrgäste steigen nicht aus ideologischen Gründen auf Bus und Bahn um, sondern weil das Angebot ihren Alltag erleichtert. Dichte Takte, moderne Fahrzeuge und verlässliche Anschlüsse schaffen Nachfrage. Qualität erzeugt Fahrgäste – nicht umgekehrt. Wer dagegen Leistungen kürzt, riskiert einen Abwärtstrend aus sinkender Attraktivität, weniger Fahrgästen und weiter wachsendem Finanzdruck.
Dabei geht es keineswegs nur um die Bundeshauptstadt. Auch andere Regionen stehen vor der Aufgabe, bestehende Angebote zu sichern und auszubauen. Die Versuchung ist groß, notwendige Investitionen aufzuschieben, wenn die Haushaltslage angespannt ist. Das mag kurzfristig helfen, rächt sich aber später umso stärker. Verschlissene Infrastruktur wird nicht billiger, wenn ihre Erneuerung hinausgezögert wird. Im Gegenteil: Am Ende steigen Kosten und Einschränkungen gleichermaßen.
Natürlich bleibt der öffentliche Nahverkehr auf Zuschüsse angewiesen. Mobilität ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und kann sich nicht vollständig über Fahrgeldeinnahmen tragen. Umso wichtiger ist es, dass diese Mittel verlässlich bereitstehen. Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger brauchen Planungssicherheit statt jährlicher Finanzierungsdebatten. Nur dann können sie Fahrzeuge beschaffen, Personal ausbilden und Infrastruktur modernisieren.
Das Berliner Gutachten ist deshalb mehr als eine Erfolgsmeldung. Es erinnert daran, dass guter Nahverkehr niemals fertig ist. Wer heute an der Spitze steht, muss morgen erneut investieren, um dort zu bleiben. Verlässliche Finanzierung ist deshalb keine Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass Qualität auch in Zukunft erhalten bleibt.
Gleichzeitig muss aber auch klar sein: Geld allein reicht nicht. Schlechtleistungen sind nicht automatisch eine Folge von Unterfinanzierung. Hier braucht es umfassende Qualitätsziele und eine entsprechende Kontrolle.
Siehe auch: VDV legt Gutachten zum Berliner ÖPNV vor
Foto: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben