Eisenbahnjournal Zughalt.de

Nachrichten über Eisenbahn und öffentlichen Verkehr

  • Schlagwörter

Richtig trotz aller Bedenken

15.12.25 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Einerseits ist der Gedanke naheliegend, dass die DB AG, die ihr Kerngeschäft nicht nur nicht im Griff hat, sondern von vorne bis hinten überfordert ist, den Fokus auf den inländischen Eisenbahnverkehr legen sollte, bevor man durch den Eurotunnel nach London fahren will. Gerade die Schweizverbindungen zeigen ja, dass die Eisenbahnkrise in Deutschland auch negative Auswirkungen auf den internationalen Fernverkehr hat.

In der Schweiz kommen verspätete Fernzüge aus Deutschland nicht mehr rein. Die Eidgenossen sagen aus gutem Grund, dass sie nicht bereit sind, ihren wie ein Uhrwerk funktionierenden integralen Taktfahrplan immer wieder durch stark verspätete Fernzüge aus Deutschland kaputtfahren zu lassen. Andererseits ist die DB AG natürlich auch im internationalen Wettbewerb zwischen Großbritannien und Deutschland gibt es – trotz des EU-Austrittes – enge wirtschaftliche und persönliche Beziehungen.

Würde DB Fernverkehr sich also an einem derartigen Projekt nicht beteiligen, dann könnte Eurostar das durchaus auch ohne durchziehen: Dann fährt man eben selbst und ohne die DB Fernverkehr als Konsortialpartner aus London durch den Eurotunnel bis Köln. Aus Frankreich und weiteren Teilen Süddeutschlands gibt es schon seit langer Zeit direkte Verbindungen nach Frankreich und auch hier ließen sich Angebote bis London realisieren. Man könnte das vielleicht sogar so planen, dass Eurostar nicht einmal die Westerwaldachterbahn benutzen müsste.

Nochmal zur Erinnerung: Aktuell kann nur der deutsche ICE auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und dem Frankfurter Flughafen fahren, die Eurostar-Züge haben hier keine Zulassung, man müsste also neue anschaffen. Doch zur Verhinderung einer solchen neuen Konkurrenzsituation ist es aus Sicht der DB AG richtig, sich dennoch an den Zügen nach Großbritannien zu beteiligen. Man hat ja nicht umsonst den Anspruch, die deutsche Staatseisenbahn zu sein und wenn man schon im Regionalverkehr nur noch ein Marktakteur von vielen ist, so bleibt man im Fernverkehr doch der Platzhirsch.

Das Phänomen ist übrigens bei eigenwirtschaftlichen Fernzügen gar nicht so neu: Während man bei reinen Inlandsverbindungen relativ schnell sagen kann „Das lohnt sich nicht mehr, das ist unwirtschaftlich, das stellen wir ein“, hatten grenzüberschreitende Züge schon immer eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Andere europäische Staatseisenbahnen möchten nämlich auch, dass ihre Fahrgäste direkt von Italien nach München, von Paris nach Stuttgart oder von Kopenhagen nach Hamburg kommen.

Wenn die deutsche Staatseisenbahn sich also aus solchen Angeboten zurückzieht, dann geht es relativ schnell und die andere fahren ihre Züge in Eigenregie durch das deutsche Inland. Genau dieses Phänomen gilt jetzt auch wiederum hier und deshalb muss man sehen, dass die strategische Entscheidung, eine Londonverbindung auf der Schiene mitzutragen weit über die aktuellen Probleme hinausgeht. Zumal die Eisenbahn in Deutschland ja irgendwann mal wieder richtig gut werden soll.

Siehe auch: DB AG und Eurostar planen Züge nach London
Foto: derwiki

Kommentare sind geschlossen.