Den Fortschritt gestalten
02.10.25 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Ein Großteil der Fahrgäste nutzt entweder das Deutschlandticket oder – sofern es sich um Gelegenheitskunden handelt – den eezy-Tarif. Dieser hat zusätzlich den Vorteil, dass er zumindest innerhalb von Nordrhein-Westfalen eine Bestpreisabrechnung garantiert: Es spielt keine Rolle, wie viel jemand fährt, am Ende wird es nicht teurer als das Deutschlandticket. Ein wirtschaftliches Risiko besteht somit nicht. Das ist auch richtig so, denn die Tarifierung im öffentlichen Verkehr ist kein Glücksspiel, sondern soll einerseits fair sein, andererseits auch nachvollziehbar.
Natürlich lassen sich immer einzelne Beispiele konstruieren, in denen irgendein Gelegenheitsfahrer, der auch nicht bereit ist, auf digitale Tickets umzusteigen, für seine Fahrt über vier S-Bahnstationen alle sechs Wochen mehr bezahlen muss als bislang. Genau solche Fälle werden in der öffentlichen Diskussion häufig betont. Tatsache ist jedoch, dass die überwältigende Mehrheit der Fahrgäste sowohl vom Deutschlandticket als auch vom eezy-Tarif profitiert und dass gerade auch viele heutige Rentner sehr sicher im Umgang mit Smartphone und Internet sind.
Die Zukunft liegt klar im digitalen Vertrieb. Bei einer langfristig geplanten Tarifreform geht es schließlich nicht darum, den Status quo als Maßstab zu nehmen, sondern auch das künftige Kundenverhalten in zehn oder zwanzig Jahren zu bedenken, wenn der analoge Tarif nicht nur weitgehend, sondern vollständig verschwunden sein wird. Wir sprechen zudem davon, dass die Rentner und Senioren von morgen heute die digitalen Endgeräte wie selbstverständlich nutzen.
Über viele Jahre war es im Gegenteil so, dass die vielfach als kompliziert empfundenen Tarife als Zugangshürde wahrgenommen wurden: Viele Autofahrer wussten schlicht nicht, wie das mit Bus- oder Bahnfahren funktioniert und was man tun muss, um an ein Ticket zu gelangen. Muss man in den Vorverkauf? Wie funktionieren die Automaten an den Bahnhöfen – und stehen sie überhaupt noch überall? Was passiert, wenn einer wieder außer Betrieb ist, den Zehn-Euro-Schein nicht akzeptiert oder die EC-Karte nicht erkennt?
All diese Probleme lösen sich in Luft auf, wenn der Fahrgast seine eigene technische Infrastruktur in Form des Smartphones mitbringt, auf dem dann der Fahrschein gekauft und am Ende abgerechnet wird. Es bestehen also durchaus erhebliche Vorteile bei einem digitalen Abrechnungssystem, und zudem gibt es keine Pflicht, es zu nutzen: Wer möchte, kann weiterhin einen Einzelfahrschein kaufen, sei es beim Busfahrer, sei es am Automaten,und auch bar bezahlen.
Dann kann es allerdings in Einzelfällen – und zwar nur in Einzelfällen – vorkommen, dass eine Fahrt im Vergleich zum bisherigen Stand teurer wird. Damit muss man aber leben, wenn man den Tarif verständlicher machen will. Denn zwischen Transparenz und Kostengerechtigkeit besteht häufig ein kaum zu überbrückender Gegensatz: Einen gerechten Tarif versteht fast niemand, und ein leicht verständlicher Tarif ist oft nicht vollkommen gerecht. Aber irgendwo muss man die Lösung finden.
Siehe auch: VRR schreibt Tarifreform fort
Foto: Verkehrsverbund Rhein-Ruhr AöR