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Aktionismus oder mehr?

18.08.25 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Die Nachricht kam letzten Donnerstag überraschend, aber um ehrlich zu sein nicht unerwartet. Wenn ein bereits stark verschuldeter Konzern so massiv in die roten Zahlen fährt und überhaupt kein Konzept hat, auf absehbare Zeit aus der Krise zu kommen, dann ist der Austausch des Vorstandsvorsitzenden nicht nur üblich, sondern eigentlich auch unvermeidbar. Doch wie geht es weiter? Offensichtlich hat man im Vorfeld nicht nach Nachfolgern gesucht.

Als Hartmut Mehdorn 2009 den Konzern im Zusammenhang mit der Spionageaffäre verlassen musste, stand Rüdiger Grube relativ schnell auf der Matte, weil er schon in seiner Zeit bei Daimler-Benz wusste, dass er eines Tages Mehdorns Nachfolge antreten würde. Als Grube wiederum gegangen ist, hatte man Richard Lutz zunächst interimsweise berufen und seinen Vertrag erst einige Wochen später fixiert. Jetzt jedoch haben wir einen Bahnchef, von dem man weiß, dass er nur noch übergangsweise da ist, der auf gepackten Koffern sitzt und erwartungsgemäß nichts mehr entscheiden wird.

Die Suche nach einem neuen Oberlokführer in Deutschland wird jedoch schwierig, denn wer tut sich das freiwillig an? Natürlich ist der Posten gut bezahlt, aber das war es dann auch. Der Konzern erscheint nicht sanierungsfähig oder -willig, eine halbwegs nachvollziehbare eisenbahnpolitische Ausrichtung gibt es in der Republik auch nicht, während man mit Personalmangel, verfallender Infrastruktur und völlig aus dem Ruder laufenden Kosten zu tun hat. Es ist daher durchaus möglich, dass Richard Lutz noch länger als wir jetzt denken an der Konzernspitze bleibt, weil die Suche nach einem Nachfolger aufwendig wird.

Wenn man davon ausgeht, dass der Nachfolger keine magischen Kräfte hat, der die Probleme wegzaubern kann, werden die Eisenbahnkrise in Deutschland und die Unternehmenskrise der DB AG weitergehen. Anstatt die Fahrgastzahlen im Jahr 2030 im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit zu verdoppeln, muss das Ziel sein, sukzessive Strukturen und Kapazitäten zu schaffen, die den Status Quo des Jahres 2019 absichern: Also keine Zugausfälle, keine unbesetzten Stellwerke, keine Wartungsrückstände in den Werkstätten, eine Infrastruktur, die verlässlich funktioniert und nicht immer wieder mit defekten Weichen, Signalen oder Bahnübergängen zu kämpfen hat.

Das Baustellenaufkommen ist in den letzten Jahren um ein vielfaches gestiegen und ein Ende nicht absehbar. Es stellt sich daher die Frage, ob man es nicht doch mit Aktionismus zu tun hat, auch wenn ein solcher angesichts der Zahlen des Konzerns nicht unüblich ist. Wichtig ist jetzt tatsächlich eine Fokussierung auf den inländischen Eisenbahnverkehr in Deutschland, aber auch auf politischer Ebene eine Fortschreibung der Eisenbahnreform in ihrer eigenen Logik. Wie geht es mit dem Deutschlandtakt weiter und bleibt der Fernverkehr eigenwirtschaftlich organisiert? Wie ist das Verhältnis zwischen Verkehrs- und Infrastruktursparten in der Zukunft? Hier muss man ran und die Chefetage im Bahntower ist da nur eine von mehreren wichtigen Komponenten.

Siehe auch: Richard Lutz verlässt die DB AG
Foto: Deutsche Bahn AG / Oliver Lang

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