Alarmierende Zahlen
22.05.25 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Wenn 20.000 Busfahrer und 30.000 Lokführer fehlen, dann haben wir ein massives Problem. Auf dieser Basis kann man von einer „Verkehrswende“ oder gar von einer „Verdoppelung der Fahrgastzahlen“ überhaupt nicht mehr sprechen, wobei man sich vom letztgenannten Narrativ zuletzt auch heimlich, still und leise verabschiedet hat. Es sind Werte, die beunruhigen und man stellt sich natürlich die Frage, ob es wirklich nur am leergefegten Bewerbermarkt liegt oder ob nicht auch die Personalakquise in den Unternehmen Verbesserungspotentiale bietet? Wenn wir ehrlich sind, dann muss man sich genau damit beschäftigen.
Immer wieder stolpert man in sozialen Netzwerken über Stellenanzeigen zahlreicher Eisenbahn- und ÖPNV-Unternehmen und in den Kommentarbereichen häufen sich dann Dinge wie „Ich habe mich schon dreimal beworben und nie eine Antwort erhalten“. Ein anderes Unternehmen hat jüngst öffentlich um Geduld gebeten: Bewerber sollen bitte davon absehen, nachzufragen was mit ihren Bewerbungen ist, man brauche noch Zeit für die Sichtungen und werde sich bei jedem melden – auch wenn es länger dauert.
Aber wer einen Busführerschein hat, ist kein „Hilfsarbeiter mit Führerschein“, sondern eine qualifizierte Fachkraft mit jeder Menge Möglichkeiten. So jemand hat es nicht nötig, über Monate auf die Rückmeldung des einen kommunalen Unternehmens zu warten, sondern so jemand schreibt Bewerbungen und hat in einem relativ überschaubaren Zeitraum mehrere Optionen offen. Wenn man ein Vierteljahr oder noch länger nach der ersten Bewerbung nachfragt, ob das Interesse noch besteht, dann steht derjenige längst bei einem anderen Arbeitgeber in Lohn und Brot.
Das kann bei einem anderen Kommunalunternehmen sein, aber auch bei einem privaten Reisebusdienst oder wo auch immer. Überhaupt sind die Zeiten, in denen die Mitarbeiter um jeden Preis und koste es, was es wolle, auf diesen einen Job angewiesen sind, vorbei. Man sieht es auch den Fluktuationszahlen in den Betrieben: Die Leute gehen nicht nur, weil sie in die wohlverdiente Altersrente eintreten, sondern auch weil sie relativ schnell etwas anderes finden, wenn es nicht so läuft, wie geplant.
Dabei ist es nicht nur eine Frage der Bezahlung, sondern auch der täglichen Belastung. Auf der Schiene sorgt das massiv gestiegene Bauaufkommen dafür, dass Lokomotivführer ihre Pausen immer öfter statt in einem der Sozialräume des Arbeitgebers auf ihrer Lok verbringen müssen. Überstunden sind ebenso ein Problem wie die doch von Natur aus familienunfreundlichen Arbeitszeiten.
Die werden sich nicht ändern lassen, eine Eisenbahn, die nur montags bis freitags von neun bis fünf unterwegs ist, wird es nicht geben. Aber dass man in den jüngsten Tarifabschlüssen auch Arbeitszeitverkürzungen eingeführt hat, kann mit dafür sorgen, dass deutlich weniger gute Mitarbeiter vorzeitig den Dienst quittieren. Ja, kürzere Arbeitszeiten können ein Mittel gegen den Personalmangel sein, so absurd es auf den ersten Blick scheint. Doch genau damit muss man sich auseinandersetzen.
Siehe auch: VDV-Studie zu Quereinsteigern
Foto: Deutsche Bahn AG / Dominic Dupont