Die Eisenbahnkrise wird anerkannt
03.04.25 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Es ist zunächst einmal eine gute Nachricht, dass Bahnchef Richard Lutz anerkennt: Ja, wir sind in der Krise. Der Verkehrsträger Schiene ist in Deutschland ebenso in der Krise wie das Unternehmen DB AG. Im Fernverkehr sind es die Entschädigungszahlungen, die das Ergebnis massiv drücken. Aber so ist das eben, wenn man eine Pünktlichkeitsquote von weniger als zwei Dritteln hat. Zumal man ja an den Bahnhöfen der Republik regelmäßig erlebt, welche Verspätungen es da wirklich gibt.
Da sprechen wir nicht von einem ICE, der mal zehn oder zwanzig Minuten zu spät ist, sondern oftmals von mehreren Stunden. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Rückleistungen, es fallen Züge ganz aus oder Fahrgäste schaffen es schlichtweg gar nicht mehr, an ihr geplantes Ziel zu kommen. Das sorgt natürlich auch dafür, dass so manch einer auf sein eigenes Auto oder auf den Inlandsflug umsteigt – die DB AG profitiert wohl sicher auch davon, dass die Inlandsflüge in den letzten Jahren deutlich weniger geworden sind.
Vor Corona hat Eurowings noch damit geworben, dass man 14mal am Tag von Düsseldorf nach Berlin fliegt, inzwischen sind es im Schnitt noch vier Flüge pro Tag. Das hat sicher auch viel damit zu tun, dass viele Geschäftstermine inzwischen digital absolviert werden: Man muss nicht mehr morgens hin- und nachmittags zurückreisen (ob per Auto, Bahn oder Flugzeug), weil Gespräche nicht mehr zwingend in Präsenz stattfinden müssen. Aber das ändert nichts daran, dass die Eisenbahn, gerade im Fernverkehr, ein erhebliches Qualitätsproblem hat.
Man hat ja auch aus gutem Grund das Narrativ fallengelassen, die Fahrgastzahlen im Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2019 zu verdoppeln. Realistischerweise muss man zusehen, dass man den Stand des Jahres 2019 überhaupt wieder mühsam aufbauen kann.
Denn dann blicken wir mal auf die Finanzschulden der DB AG: Das waren Ende 2024 rund 32,5 Milliarden Euro – Ende 2023 waren es knapp 34 Milliarden Euro, es ist also auf hohem Niveau etwas geschrumpft. Aber an einem anderen Punkt droht Ungemach: Zwölf Prozent der Finanzschulden laufen im Jahr 2025 aus und müssen refinanziert werden, weitere 14 Prozent laufen im Jahr 2026 aus. Während man vor einigen Jahren im Euroraum als bundeseigenes Unternehmen noch von sehr niedrigen Kapitalkosten profitiert hat, wird sich das jetzt ändern. Bei einer Refinanzierung der auslaufenden Darlehen am Kapitalmarkt, werden sehr wahrscheinlich deutlich höhere Zinsen zu bezahlen sein.
Weitere zehn Prozent laufen im Jahr 2027 aus, sodass man hier in den kommenden Jahren mit einer massiven finanziellen Belastung wird rechnen müssen, über die momentan noch niemand spricht. Pläne, die Drucksituation durch Umsatzsteigerungen zu entschärfen, haben nicht funktioniert. Die Annahme, dass man in naher Zukunft für eine neuerliche Konzern-Entschuldung auf Kosten des Bundeseisenbahnvermögens trommeln wird, dürfte daher naheliegend sein. Was soll die DB AG denn auch sonst versuchen, um dem Problem Herr zu werden?
Siehe auch: DB AG legt Konzernabschluss 2024 vor
Foto: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben