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Die Leuchttürme reichen nicht

04.11.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Jedes Jahr wird mit dem Bahnhof des Jahres der alten Vorstellung eines heruntergekommenen Rauschgiftumschlagplatzes etwas entgegengesetzt. Oftmals herrscht in den Vorstellungen der Bürger noch das anrüchige Bahnhofsbild aus der Zeit der früheren Behördenbahn – dabei ist die Realität oft längst deutlich besser. Viele Bahnhöfe wurden durch private Investoren oder in Zusammenarbeit mit engagierten Kommunen zu kulturellen und wirtschaftlichen Zentren ihrer Städte, sei es ob die Fahrgäste das Gebäude zum Zwecke der Reise noch betreten müssen oder nicht.

Aber es reicht nicht, wenn man einige sehr erfolgreiche Leuchtturmprojekte hat, sondern die Bahnhöfe müssen bundesweit nicht nur im Durchschnitt, sondern überall eine hohe Aufenthaltsqualität aufweisen. Das sicherzustellen ist zuvorderst Sache der DB AG oder einem anderen Infrastrukturbetreiber, aber die Überwachung muss durch die Aufgabenträger erfolgen. Seit rund 15 Jahren gibt es bundesweit Stationsberichte, in denen die Besteller des Nahverkehrs sich genau damit beschäftigen und die Qualität erfassen.

Allerdings: Mehr als die Qualität zu messen können sie leider nicht, denn noch immer sieht das Gesetz keine Handhabe bei Schlechtleistungen im Infrastrukturbereich vor. Wenn so eine Rolltreppe ein halbes Jahr kaputt ist, wenn die Uhr nicht repariert wird oder sich auch sonst niemand um Schäden kümmert, kann man nichts machen. Jetzt lautet natürlich die offizielle Erklärung, dass es solche Zustände unter Mehdorn gegeben haben mag, heute aber nicht mehr vorstellbar wären. Falls doch, dann liegt es eben an Lieferengpässen bei den notwendigen Ersatzteilen. Lieferengpässe quasi als neues Naturgesetz, dem man hilflos ausgeliefert ist.

Wobei das schon interessant ist: Auf einmal sind Lieferengpässe doch ein Thema. Dass sich Bauarbeiten verzögern können, weil Bau- und Rohstoffe fehlen, soll doch sonst immer völlig ausgeschlossen sein, aber wenn es um Reparaturen an Bahnhöfen geht, dann ist es auf einmal wie eine Naturkatastrophe, gegen die man sich nicht wehren kann. Dabei könnte man sehr wohl auf Lieferengpässe und Baustoffmangel reagieren. Man muss Rahmenverträge mit Baufirmen und Lieferanten schließen, die sich verpflichten, dauerhaft prioritär die Infrastrukturgesellschaften der DB AG zu bedienen; auch wenn es was kostet.

Gleichzeitig muss auch eine DB AG wieder in verstärkter Form Ersatzteile selbst vorhalten, damit sie im Falle eines Falles kurzfristig verbaut werden können. Wenn also der exotische Motor der Rolltreppe kaputt ist und das Ersatzteil 4711 leider erst in einem Dreivierteljahr verfügbar ist, dann muss man derartige Dinge im eigenen Lager aufbewahren. Wenn man Schlechtleistungen im Infrastrukturbereich genauso pönalisieren würde wie im Verkehrssektor, dann würde in dieser Richtung sehr schnell alles mögliche passieren, ökonomischer Druck ist noch immer die beste Medizin gewesen. Neben einer auskömmlichen Finanzierung braucht die Eisenbahn auch funktionierende Strukturen, die man schaffen muss.

Siehe auch: Bautzen ist Bahnhof des Jahres 2024
Foto: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben

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