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Die Eisenbahn verbessern, nicht die Entschädigungen

08.07.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Wir erleben eine Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land, die geprägt ist von der schweren Eisenbahnkrise und da ist das Thema Fahrgastrechte natürlich wichtig. Was passiert, wenn jemand erst im Laufe der zweiten Halbzeit zum Spiel kommt, weil die Züge nicht gefahren sind? Wird ein dänischer Fahrgast, der letzten Samstag nach Dortmund wollte und wegen der Bahn zu spät dran war, das Geld für die Eintrittskarte regressieren können? Nein, das kann er nicht.

Das gilt natürlich auch für andere Veranstaltungen. Was macht ein Österreicher, der sich für die Coldplay-Konzerte im August im Münchener Olympiastadion Karten kauft, aber der wegen Zugausfällen die Fahrt auf halbem Weg abbrechen muss? Beim nächsten Besuch wird der mit dem Auto fahren, da brauchen wir gar nicht zu diskutieren, aber womöglich will der sein Eintrittsgeld vom verantwortlichen Eisenbahnunternehmen zurückerstattet bekommen, doch genau das sieht der Gesetzgeber nicht vor.

Wenn wir ehrlich sind, ist das auch gar nicht so verkehrt, denn hier gäbe es wirklich massive Risiken, die kein Mensch mehr kalkulieren kann. Weil der ICE von Köln nach Frankfurt mal wieder nicht fährt, wird der Flug nach Los Angeles verpasst – da kann man nur jedem raten, deutlich rechtzeitig zu fahren, im Zweifel einige Stunden früher anzukommen oder sogar bei Interkontinentalreisen noch eine Nacht am Flughafen im Hotel zu verbringen. Denn so wichtig die Fahrgastrechte sicherlich sind, umso schöner wäre es, wenn das Thema weniger drängend wäre.

Wir müssen wieder in die Lage kommen, eine Eisenbahn zu betreiben, die funktioniert und zwar nicht nur im Not- und Sonderfahrplan, weil man zu wenig Fahrpersonal hat, aber auch Wartungsrückstände und unbesetzte Stellwerke. Vielfach wird man jetzt hören, dass man dafür eben „mehr Geld für die Schiene“ bräuchte. Tatsächlich muss die Eisenbahn auskömmlich finanziert werden. Niemand möchte, dass wir wieder Zugleistungen abbestellen müssen, weil die Regionalisierungsgelder gesenkt worden sind – wobei sich auch hier die Länder an die eigene Nase fassen müssen, denn die angeblich gesenkten Regionalisierungsgelder waren tatsächlich nur ein Wegfall der Zweckbindung. Das Geld anderweitig auszugeben ist legitim, aber dann noch nach einem Nachschlag des Bundes zu schreien ist unstatthaft.

Zumal die Eisenbahn inzwischen einen solchen Grad der Mangelwirtschaft erreicht hat, dass man mit „mehr Geld“ nichts mehr erreicht. DDR-Leute werden sich erinnern: Wenn es bestimmte Artikel nicht gab, dann nutze auch ein voller Geldbeutel mit Ostmark nichts. So ist das jetzt auch wieder. Man kann die Probleme der Eisenbahn nicht mit „mehr Geld“ zukleistern, sondern es müssen sukzessive die Strukturen wieder aufgebaut werden, die über die letzten zwanzig Jahren verlorengegangen sind. Dann können wir eine Situation schaffen, in der wir nicht mehr über Fahrgastrechte diskutieren müssen, oder wenn dann nur im Ausnahmefall. Denn eine qualitativ hochwertige und zuverlässige Eisenbahn lockt genügend Leute an.

Siehe auch: EVZ weist auf Fahrgastrechte hin
Foto: Deutsche Bahn AG / Gian Vaitl

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