Die Eisenbahn braucht starke Aufgabenträger
23.05.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Bis vor dreißig Jahren war die alte Behördenbahn hoheitlicher Organisator des SPNV. Natürlich haben die Verkehrsverbünde über die Jahre einen gewissen Einfluss gehabt, aber wenn die Bundesbahn den Personenverkehr einstellen wollte – und das tat sie regelmäßig – dann konnte der Verkehrsverbund das verzögern, auch erschweren, aber nicht verhindern. In den Jahren 1978 und 1979 gab es im Ruhrgebiet daher einen ganzen Strauß an Strecken, auf denen der Personenverkehr eingestellt worden ist – denn mit der VRR-Gründung ab 1980 wurde es deutlich schwieriger.
Aber erst mit dem Start der Eisenbahnreform am 1. Januar 1994 und der Regionalisierung zwei Jahre später sind die Organisation und die Bestellung der Betriebsleistungen auf die Aufgabenträger übergegangen. Die Ex-Bundesbahn wurde über Nacht zum Lohnkutscher, der sich darüber hinaus auf seinem eigenen Netz mit Konkurrenz herumärgern musste. Das hat vielen nicht gefallen und die Widerstände gegen starke Aufgabenträger aus dem roten Konzern hielt lange vor und tut es in Teilen bis heute.
Denn der Aufgabenträger bestellt nicht nur Züge und macht Vergaben, sondern er ist auch während der Vertragsperiode für ein angemessenes und umfassendes Controlling verantwortlich. So eine Zuschlagserteilung ist kein Freibrief für 15 Jahre Schlechtleistungen – auch das ist etwas, das man in der Branche erst lernen musste. Hierbei ist es richtig und wichtig, dass die Aufgabenträger sich vernetzen, dass sie voneinander lernen und ihre Erfahrungswerte austauschen.
Wie gehe ich damit um, wenn ein Unternehmen seinen Betriebsstart komplett vergeigt? Wie ist der Kontakt zwischen dem Aufgabenträger und dem jeweiligen Verkehrsbetrieb in der Zeit zwischen der Zuschlagserteilung und der Inbetriebnahme? Sagt man dann „Danke für den Kaffee und bis in drei Jahren, in zwei Jahren und elf Monaten telefonieren wir nochmal“ oder überwacht der Aufgabenträger auch die Betriebsvorbereitungen, damit man rechtzeitig eingreifen kann? Solche Erfahrungen sollten nicht alle 27 Aufgabenträger für sich machen, sondern hier gilt es, im Gespräch zu bleiben.
Dazu gehört auch der Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern. Da muss man klar sagen: Wir sind die Vertreter der Aufgabenträger und nicht was „der VDV“ sagt ist Branchenkonsens, sondern wir sprechen für die Aufgabenträger. Ja, die Mitgliedschaft im Branchenverband ist das eine, aber die Aufgabenträger brauchen auch einen eigenen Verband, in dem sie sich treffen und organisieren können.
Es gibt einen natürlich Interessenskonflikt zwischen dem Aufgabenträger und dem Verkehrsunternehmen, so wie es diesen zwischen Auftragnehmer- und Auftraggeber halt gibt. Da führt kein Weg dran vorbei. Deshalb ist es notwendig, mit dem Bundesverband Schienennahverkehr in die nächsten 25 Jahre gehen: Eine starke Interessenvertretung der Aufgabenträger, die finanziell so ausgestattet sein muss, dass sie in der Lage ist, mit vergleichbaren Akteuren mitzuhalten. Gute Lobbyarbeit kostet Geld, ist aber notwendig.
Siehe auch: BSN feiert 25jähriges Bestehen
Foto: Bundesverband Schienennahverkehr e. V.