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Eine breite Basis schaffen

01.02.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Es ist richtig und wichtig, dass die Unternehmen sowohl im kommunalen Bereich als auch im Schienenverkehr die Potentiale ihrer Bewerber erkennen. Nicht jeder hat einen olympiareifen Lebenslauf und kann trotzdem eine Bereicherung für das Unternehmen darstellen. Das gilt für den vierzigjährigen Elektriker ebenso wie für den 25jährigen Studienabbrecher oder den Bewerber, der schon seit drei Jahren arbeitslos ist.

Wenn in Wien die Möglichkeit besteht, dass die Ausbildung zumindest in Teilen über Sozialleistungsträger finanziert wird, warum nicht? Es ist immer erstrebenswert, arbeitslose Mitbürger, auch solche, die in der Langzeitarbeitslosigkeit stecken, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Arbeitsämter sich auch an den Kosten der Ausbildung für ihre Kunden beteiligen. Da spricht überhaupt nichts gegen.

Allerdings sollte man sich nicht zu sehr darauf verlassen. Wozu das führt, haben wir in Deutschland gerade erst gesehen, insbesondere in Nordrhein-Westfalen. Zahlreiche Verkehrsverträge sind auch deshalb über die Jahre aus den schwarzen in die roten Zahlen gelaufen, weil die Arbeitsämter eben nicht mehr auf Zuruf in der Lage waren, die Ausbildungskurse komplett zu besetzen und dann auch noch zu finanzieren. In einer Zeit, in der die Eisenbahn insgesamt nicht auskömmlich finanziert war, sah es verlockend aus, dass die Ausbildungskosten quasi ausgelagert worden sind.

Doch zwischen 2005 und 2021 hat es in jeder Legislaturperiode ein bis zwei große Sparpakete gegeben und die Arbeitslosenförderung war immer dabei. Es gab also nicht mehr nur das Problem, dass aufgrund der Konjunktur kaum noch geeignete Arbeitslose vorhanden waren, sondern selbst wenn es sie gegeben hätte, hätten die Sozialleistungsträger keine ausreichende Budgets gehabt, um die Ausbildungen zum Eisenbahner zu finanzieren. Nun mag es in Wien momentan ganz gut aussehen und das Geld vorhanden sein, doch anstelle der Wiener Linien würde ich nicht davon ausgehen, dass das dauerhaft so bleibt.

Die politische Großwetterlage kann sich mit jeder Wahl ändern. Wir haben in Deutschland gesehen, wie schnell eine Regierungskrise auftreten kann: Das Bundesverfassungsgericht hat der deutschen Bundesregierung die finanziellen Möglichkeiten im Urteil zur Schuldenbremse fast komplett gestrichen. Dennoch müssen die Unternehmen handlungsfähig bleiben und dazu gehört auch, dass man die Personalakquise auf ein möglichst breites Fundament mit vielen Füßen stellt.

Doch dazu gehört nicht nur die Personalakquise, genauso wichtig ist, dass man die Leute im Unternehmen hält. Die ÖBB sagen ganz offen, dass sie eine Schnellfluktuation von zwanzig Prozent haben. Das bedeutet, dass einer von fünf neu eingestellten Mitarbeitern in den ersten zwei Jahren wieder geht, ganz unabhängig davon, was das Unternehmen in die Ausbildung investiert hat. Hier gilt es sich also attraktiv aufzustellen und den Wettbewerb mit anderen guten Arbeitgebern anzunehmen. Eine breite Basis eben für einen funktionierenden und guten öffentlichen Verkehr.

Siehe auch: Ausbildungsoffensive bei den Wiener Linien
Foto: Wiener Linien

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