Die Branche hat gesprochen
25.01.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Es gibt zahlreiche Akteure im SPNV, die fest mit der GDL den Umstieg auf eine 35-Stunden-Woche vereinbart haben. Diese ist der künftige Branchenstandard, ob der DB AG das passt oder nicht. Dabei besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass einzelne Mitarbeiter gegen erhebliche Bezahlung ihre Stundenzahl ausweiten und eben gerade nicht in die 35-Stunden-Woche gehen.
Allerdings ist das eine zusätzliche Arbeitszeit und eben gerade nicht selbstfinanzierte Freizeit, auf die ein Arbeitnehmer natürlich immer einen Rechtsanspruch haben. Natürlich darf jeder in Teilzeit gehen, der es möchte. Hier aber geht es um was anderes, gerade auch im Hinblick auf den steigenden Stress im Beruf des Lokomotivführers. Lange Zeit war die DB AG als Branchenprimus auch das Unternehmen, das die besten Arbeitsbedingungen hatte. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die DB AG hinkt jetzt hinterher.
Es hält sich das Gerücht, und das ist auch mit Vorsicht zu genießen, dass die DB AG unter der Hand angeboten haben soll, einer Arbeitszeitreduktion zuzustimmen, was aber davon abhängen soll, wie sich der Personalbestand in den nächsten Jahren entwickelt. Wenn also genügend Lokomotivführer da sind, kann die Arbeitszeit reduziert werden, falls nicht, dann eben nicht. Sollte das so sein, dann wäre es doch gar nicht verwunderlich, dass die GDL sich darauf nicht einlassen kann.
Salopp gesagt: Was bitte hat eine Gewerkschaft mit der dysfunktionalen Personalakquise des Arbeitgebers zu tun? Zumal ja zu befürchten steht, dass viele Lokomotivführer in den kommenden Jahren die DB AG verlassen werden und zu einem Unternehmen wechseln, das sich bei der verlässlichen 35-Stunden-Woche eben nicht verweigert bzw. das attraktive Zuschüsse für freiwillige Mehrarbeit anbietet.
Es hat den Anschein, als verstehe man im Bahntower noch immer nicht, dass Konkurrenz im Eisenbahnwesen auch Konkurrenz um gute Mitarbeiter heißt. Die Leute sind nicht mehr um jeden Preis auf diesen einen Job angewiesen und sie können auch ohne persönliche Nachteile aus der DB AG heraus zu einem konkurrierenden Unternehmen wechseln. Wenn dann in Münster die Leute zur Westfalenbahn, Hannover zum Metronom oder in Augsburg zu Go-Ahead wechseln.
Zumal wir durch immer mehr Fahrplanänderungen, Baustellenumleitungen und ähnliches erleben, dass der Beruf stressiger wird. Pausen werden immer öfter im Führerstand gemacht. Können Sie sich vorstellen, dass eine Supermarkt-Kassiererin ihre Pause in der Kasse machen muss, weil sie keinen Zugang zum Pausenraum haben? Bei der Eisenbahn kommt das immer öfter vor und da muss man gegensteuern, um das Personal zu halten.
Man wird die Bauaktivitäten in den kommenden Jahren nicht reduzieren können, aber man muss Mittel und Wege finden, dass gerade Quereinsteiger nicht in Rekordzeit zum Queraussteiger werden. Dazu gehört auch, dass die DB AG die neuen branchentypischen Arbeitsbedingungen akzeptiert. Das gilt umso mehr im Interesse der Fahrgäste, die auch dieser Tage wieder von den Streikaufrufen betroffen sind.
Siehe auch: GDL: Zahlreiche Tarifabschlüsse, aber neuer DB-Streik
Foto: meineresterampe