Endlich spricht es mal jemand aus
07.12.23 (Fahrplanänderungen, Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Man redet immer von Personalakquise und vielleicht auch davon, dass man Mitarbeiter halten muss und das ist auch nicht grundsätzlich falsch. Aber schon wenn man nachfragt, wie hoch denn die Kündigerquote ist, kommt keine Antwort. Klar, es ist in einem Land wie Österreich, wo man eine ÖBB hat, deutlich leichter die Kündigungen zentral zu erfassen als in einer ganzen Branche, zumal man ja auch nicht weiß, wer etwa von Düsseldorf nach Stuttgart wechselt oder wer eine Stelle im Güterverkehr annimmt, weil es im SPNV eben doch menschliche Probleme gibt, die nicht für jeden attraktiv sind.
Aber einen zentralen Argumentationspunkt hat National Express gebracht, den bislang noch niemand ausgesprochen hat: Durch die massiv gestiegenen Bauaktivitäten ist auch der Stress für die Mitarbeiter immer unerträglicher geworden, was sich nicht nur in Kündigungen, sondern auch in verstärkten Krankschreibungen niederschlägt. Das ist auch verständlich. Wenn die Leute regelmäßig im Führerstand Pause machen müssen, dann können sich dort nicht abschalten, sie können sich nicht so regenerieren, wie sie es in einem Pausenraum machen würden.
Stellen Sie sich eine Kassiererin im Rewe oder Edeka Ihrer Wahl vor. Für die Pause steht anstelle eines von der Öffentlichkeit abgeschotteten Pausenraums nur ein Verbleib in der geschlossenen Kasse zur Verfügung. Das wäre undenkbar und würde zurecht für größen Ärger innerhalb dieses Betriebs sorgen. Der gleiche Effekt gilt auch bei Betriebseisenbahnern.
Aber jetzt geht es ja weiter: Wir befinden uns mitten im „Jahrzehnt der Baustellen“, das DB Netz selbst ausgerufen hat und können davon ausgehen, dass dieser Zustand noch eine Weile anhalten wird. Das heißt aber für die Verkehrsbetriebe auch, dass nicht nur die Kostenkalkulationen aus dem Beginn ihrer Verkehrsverträge nicht mehr funktionieren, sondern auch dass die Mitarbeiter einem Stress ausgesetzt sind, der so nicht zumutbar ist.
Darin hat auch die aktuelle GDL-Forderung nach einer neuerlichen Absenkung der Arbeitszeit ihre Ursache. Es führt auch dazu, dass immer mehr Mitarbeiter auf die optionale Regelung mit den 42 Urlaubstagen im Jahr umsteigen, auch wenn sie ihre zusätzliche Freizeit mit Lohnverzicht selbst finanzieren. Die Zeiten, dass der Eisenbahnbetrieb dadurch aufrecht erhalten wird, dass die Leute jeden Monat Überstunden kloppen mit einem Volumen von deutlich mehr als einer und bis zu zwei Arbeitswochen, sind vorbei. Auch dann, wenn die Überstunden nicht „für später“ aufgeschrieben, sondern gleich bezahlt werden.
Das ist auch gut so, denn wir können uns gesamtgesellschaftlich sehr wohl glücklich schätzen, dass die Leute nicht mehr aus purer wirtschaftlicher Not darauf angewiesen sind, fünfzig, sechzig oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten, sondern dass man sich Freizeit für seine eigene Gesundheit und Familie leisten kann. Da wir aber ein branchenweites Problem haben, muss man sich auch branchenweit damit beschäftigen. Es ist aber auf jeden Fall gut, dass National Express erstmals genau diesen Punkt nennt.
Siehe auch: National Express reduziert den Fahrplan
Foto: National Express Rail GmbH