Attraktive Angebote auch wirklich umsetzen
09.10.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Die Zeiten, in denen man der Öffentlichkeit jedes Jahr um Ostern herum mitgeteilt hat, welche Leistungen ab Weihnachten gestrichen werden, sind vorbei. Tatsächlich scheint man zumindest auf einigen wichtigen Achsen das Angebot deutlich ausbauen zu wollen und wenn man sich Relationen von Berlin nach Amsterdam oder Wien ansieht, dann geht man auch wieder in die direkte Konkurrenz zu Kurzstreckenflugzeugen.
Man nimmt das mit dem Deutschlandtakt scheinbar ernst, zumindest auf einigen Verbindungen und gräbt gleichzeitig denjenigen das Wasser ab, die darauf hinweisen, dass ein komplett eigenwirtschaftlicher SPFV kaum flächendeckend funktionieren kann. Aber wo man einst die Leistungen zusammengestrichen hat, um sogenannte „Fahrgastverdichtung“ anzustreben, hat man jetzt erkannt, dass eine hohe Angebotsdichte die Fahrgäste auf die Schiene holt.
Wobei sich natürlich schon die Frage stellt, ob die DB Fernverkehr AG überhaupt die Kapazitäten hat, großartige Leistungsausweitungen auf die Beine zu stellen oder ob man hier mehr Züge in den Fahrplan schreibt, aus denen dann am Ende die Zugausfälle werden, weil es eben doch keine Lokomotivführer oder kein Werkstattpersonal gibt.
Und wie sieht es eigentlich auf SPFV-Strecken mit nicht besetzten Stellwerken aus? Könnte man gar auf die Idee kommen, dass die DB AG als Gesamtkonzern den Fahrdienstleitermangel so disponiert, dass solche Strecken, auf denen man SPFV-Leistungen hat, immer alle Stellwerke besetzt sind? Zieht man vielleicht ganz gezielt Fahrdienstleiter von Strecken ab, auf denen nur Regionalverkehr stattfindet zugunsten von Fernverkehrsmagistralen?
Geht es vielleicht noch einen Schritt weiter und spart DB Netz (oder bald InfraGO) genau dort die Fahrdienstleiter ein, wo auch DB Regio oder DB Cargo nicht mehr selbst fahren? Das kann natürlich nach außen niemand nachvollziehen, aber die Überlegung kommt angesichts der Mangelwirtschaft auf der Schiene fast wie von selbst.
Das gilt für die Infrastruktur, aber auch für das fahrende Personal. Wenn es im SPFV zu Schlechtleistungen oder Zugausfällen kommt, dann gibt es keinen Aufgabenträger, der Ärger machen kann. Manch einer wird seine Karte zurückgeben, aber die meisten werden einfach auf andere Züge vertröstet. Wenn der ICE von Dortmund nach Köln ausfällt, wird der eine oder andere Fernverkehrszahler vielleicht sogar auf den Regionalexpress gesetzt, der gerade nicht mehr von DB Regio betrieben wird.
Es stellt sich also die Frage, ob der DB-Konzern seine Lokomotivführer so disponiert, dass der bestelle Regionalverkehr Vorrang hat: Lieber einen eigenwirtschaftlichen Fernverkehrszug ausfallen lassen, wo es keinen Aufgabenträger gibt und dafür die bestellten Züge fahren, um Pönalisierungen zu verhindern. Natürlich kann man auch hier von außen nur spekulieren. Aber gerade weil die DB AG inmitten der schwersten Eisenbahnkrise seit der Pionierzeit solche Leistungsausweitungen ankündigt, kann niemand sagen, ob und wie diese dann umsetzbar sein sollen.
Siehe auch: Leistungenausweitungen im SPFV geplant
Foto: Deutsche Bahn AG / Georg Wagner