Gut, aber auch besser?
07.08.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Das klingt natürlich alles ganz toll und futuristisch, was man da in München plant. Die bisherigen Langzüge, die aus 423ern in Dreifachtraktion bestehen tauscht man durch einen durchgängigen 200-Meter-Zug aus. Beeindruckend. Doch was ist, wenn ein Fahrzeuge wegen eines Defektes in die Werkstatt muss? Bislang reicht es wenn man einen von drei Triebzügen aus dem Verbund rausnimmt, man rangiert einen anderen herein und alles läuft wieder.
Wollen wir hoffen, dass sich die Ausfallquote, gerade in der Anfangszeit, aber auch mit fortschreitender Lebensdauer, nicht auch verdreifachen, weil bei einem kleinen Defekt jedes mal die dreifache Kapazität in die Werkstatt muss – auch wenn die Werkstattaufenthalte im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung deutlich kürzer werden sollen. Man darf gespannt sein.
480 Sitzplätze bietet also so ein Zug der Superlative. Zum Vergleich: Ein 423er-Triebzug bietet 192 Sitzplätze, das sind in einer Dreifachtraktion 576 Sitzplätze im Vergleich zu 480. Man ist also bei nüchterner Betrachtung fast versucht, von einem Rückschritt zu sprechen. Und wie ein Fahrzeug mit 576 Sitzplätzen Ersatz für 1.500 Autos bieten soll, bleibt wohl auch das Geheimnis von Minister Christian Bernreiter.
Natürlich: So eine Zugfahrt mit der S-Bahn ist kurz und wenn innerhalb einer Stunde ein Sitzplatz nacheinander von drei Leuten genutzt wird, dann kann man sehr wohl von mehr als 1.500 ähnlich kurzen Autofahrten sprechen, wenn man davon ausgeht, dass der Fahrer alleine im Auto ist und Fahrgemeinschaften etc. nicht stattfinden.
Jetzt könnte man aber meinen, dass man bei 31 Türen je Fahrzeugseite einen beschleunigten Fahrgastwechsel habe. Aber auch hier muss ich leider Wasser in den Weit schütten: Eine Dreifachtraktion an 423er-Triebzügen hat 36 Türen pro Seite. Jetzt kann man wieder argumentieren, dass die Türenja breiter sein mögen und dass bei 423 die Haltestangen in das Lichtraumprofil der Türe hineinragen.
Das mag alles sein, aber nach einer besonderen S-Bahnrevolution klingt das alles nicht. Gerade auf der Stammstrecke in München wage ich zu behaupten, dass ein schneller Fahrgastwechsel ohnehin am wichtigsten ist, denn wer sich nur einige Minuten im Zug aufhält, braucht gar nicht so dringend einen Sitzplatz.
Wichtig ist indes die Fahrgastinformation, z.B. dass im Zug bereits angezeigt wird, wo sich an der nächsten Station Treppen und Aufzüge befinden und wie der Umstieg zu kommunalen Verkehrsmitteln läuft. Bei der U-Bahn oder dem Bussen der MVG wird das klappen. Interessanter dürfte die Frage sein, ob auch auf Außenästen der S-Bahn angezeigt, wann und wo der Bus des kleinen kommunalen Verkehrsunternehmens aus dem Umland fährt und ob hier Echtzeitinformationen vorliegen.
Wichtig ist, dass hier zunächst einmal die Vorrüstung existiert. Es ist auch Sache der Politik sicherzustellen, dass kleiner ÖPNV-Betreiber und deren Subunternehmen mitziehen. Denn dieser Zug wird das Bild der Münchener S-Bahn auf Jahrzehnte prägen und Vorbild für viele andere S-Bahnnetze in Deutschland sein.
Siehe auch: S-Bahn München stellt 200-Meter-Züge vor
Foto: Siemens Mobility GmbH