Die natürlichen Grenzen des Eisenbahnausbaus
21.08.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Aktuell spricht man davon, dass die notwendigen Arbeiten zur Reaktivierung der TWL-Strecke an der Bürokratie scheitern bzw. deshalb verschoben werden müssen. Das mag durchaus auch so sein, denn solange keine Genehmigungen vorliegen, können keine Bauarbeiten ausgeschrieben werden, es können keine Baustoffe bestellt werden und vieles mehr. Es stellt sich aber die Frage, inwieweit wir überhaupt noch ausreichende Ressourcen und Kapazitäten haben, die zahlreichen Bauarbeiten auf der Schiene durchzuführen und wann wir an unsere natürlichen Grenzen gelangen.
Und wenn wir dann mal die Strecke fertig haben und wir gehen davon aus, dass auch genügend Geld in der Kasse ist, die Züge zu bestellen, ist die Frage, wo das Personal herkommen soll. In den kommenden drei bis fünf Jahren schlägt die Verrentungswelle voll zu. Es wird immer schwieriger, Schulabgänger oder Quereinsteiger zu finden und die Zeiten, in denen junge Leute ihr Leben lang Eisenbahner geblieben sind, sind weitgehend vorbei.
Schnellfluktuation ist so ein Thema, über das zwar niemand gerne spricht, das aber da ist. Auch wenn niemand genaue Zahlen vorliegen haben möchte, so kann niemand abstreiten, die Herausforderung, das Personal zu halten ähnlich groß ist wie die Herausforderung, neues Personal zu finden. Und wer als Elektriker, Klempner oder aus ähnlichen Berufen zur Eisenbahn kommt, der hat auch Alternativen jenseits der Schiene, der kann auch wieder in seinen alten Beruf zurück.
Die Zeiten, in der die Eisenbahnbranche nur beim Arbeitsamt anrufen musste und schon wurden zahllose sofort verfügbare Bewerber samt Bildungsgutschein geschickt, sind vorbei. Mal haben die Arbeitsämter keine geeigneten Arbeitslosen mehr, mal haben sie keine Budgets mehr für Bildungsgutscheine und ganz aktuell wird im Bundeshaushalt ja auch wieder darüber diskutiert, die Förderung der Langzeitarbeitslosen zu kürzen. Selbst wenn es also geeignete Arbeitslose geben sollte, so finanzieren die Ämter längst nicht mehr per se deren Ausbildung.
Soll das nun ein Grund sein, keine Schienenausbauten zu planen oder durchzuführen? Nein, man sollte es dennoch tun. Die Erfahrung hat gezeigt, dass man immer dann, wenn die Möglichkeit besteht, Ausbauten durchführen sollte, ganz unabhängig von der Frage, ob das spätere Zielnetz auf dieser Infrastruktur realistisch ist oder nicht.
Erinnert sei hier z.B. an die geplante Verlängerung der Linie S 4 im VRR-Raum über Dortmund-Lütgendortmund hinaus nach Castrop-Rauxel. Jahrelang lag das Geld für den Ausbau bereit. Es wurde nicht abgerufen, weil die Finanzierung des anschließenden Betriebs nicht abgesichert war. Irgendwann gab es Neubewertungen der Bauvorhaben, das Projekt hat seine Förderfähigkeit verloren und wurde für alle (absehbaren) Zeiten eingestampft. Deshalb muss man jetzt sagen: Ja, wir müssen Vorratsplanungen machen und wir müssen bauen, wenn die Möglichkeit besteht. Denn die Konkurrenz auch in den öffentlichen Haushalten ist groß und entsprechend muss sich die Schiene aufstellen.
Siehe auch: NWL: Reaktivierung verzögert sich
Foto: Deutsche Bahn AG / Georg Wagner