Das Potential ist da
27.07.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Man kann sicher nicht den Juni 2022 als Beispiel nehmen, wohl aber die ersten fünf Monate der beiden Jahre. Das Neun-Euro-Ticket hat zu einer Verkehrszunahme auf der Schiene geführt. Es hat seltsamerweise nicht dazu geführt, dass das Verkehrsaufkommen auf der Straße abnimmt. Hier hatte man also tatsächlich weitgehend Spaß- und Partyfahrer, die in einem Zeitraum von 92 Kalendertagen möglichst viele Ziele zwischen Flensburg und Füssen mitnehmen wollten.
Das ist beim Deutschlandticket allein deshalb anders, weil dieser Zeitdruck nicht vorhanden ist. Das Deutschlandticket gilt dauerhaft und wenn hier ernsthaft Berufspendler von der Straße auf die Schiene wechseln, dann ist das ein verkehrspolitischer Erfolg. Aber um diesen zu realisieren, da hat Rolf Schafferath von Abellio recht, muss man die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen. Die Eisenbahn muss auch in der Lage sein, den zusätzlichen Verkehr aufzunehmen.
Obwohl Abellio als Qualitätsführer ein Unternehmen ist, das sein Handwerk beherrscht, kann man auch dort nur machtlos zusehen, wenn Züge wegen nicht besetzter Stellwerke ausfallen. Da kann das beste Eisenbahnverkehrsunternehmen nichts gegen tun: Wenn abends um 20 Uhr der Fahrdienstleiter Feierabend hat und eine Nacht- oder Spätbesetzung ist nicht vorhanden, dann dreht sich eben kein Rad mehr. Besonders tragisch ist, wenn das überraschend im morgendlichen Berufsverkehr passiert. Dann nämlich werden die Leute ihr Deutschlandticket auch relativ schnell wieder abgeben.
Denn was nutzt eine finanzielle Entlastung, wenn der Weg zur Arbeit nicht gesichert ist? Hier ist vor allem der Bund gefordert, denn DB Netz ist ein Bundesunternehmen. Dabei spielt es auch zunächst mal nur eine untergeordnete Rolle, ob das Unternehmen DB Netz heißt oder demnächst InfraGO und auch ob es nun Rendite zugunsten des Bunderskonzerns DB AG abwerfen muss oder gemeinnützung betrieben wird.
In jedem Fall hat der Bund die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Bundes-Bahn AG in der Lage ist, die Infrastruktur so zu bewirtschaften, dass sie verlässlich genutzt werden kann. Denn wir brauchen gar keine höheren Parkgebühren, Autobahnmaut oder was auch immer in den Phantasien einiger Schienenlobbyisten so rumspukt.
Die Bürger unseres Landes möchten scheinbar auf die Schiene umsteigen, sie möchten die Vorteile nutzen. Aber dafür brauchen sie einen verlässlichen Verkehr. Sie brauchen auch eine Eisenbahn, die überhaupt die Kapazitäten hat, nennenswert zusätzliche Fahrgäste aufzunehmen. Hier wiederum müssen die Aufgabenträger die entsprechenden Gefäßgrößen bestellen.
Das kostet Geld und in einer Zeit, in der Verkehrsverträge ohnehin teurer werden, muss man sicherstellen, dass auch die Aufgabenträger langfristig auskömmlich finanziert sind. Hier wiederum sind Bund und Länder gleichermaßen gefordert. Es reicht nicht, wenn die Landesregierungen immer Verkehrswende rufen, aber die Schiene nur stärken wollen, wenn sie das Geld vom Bund kriegen. Wir haben es zu tun mit einer gesamtstaatlichen Aufgabe.
Siehe auch: Abellio meldet hohe Fahrgastzahlen
Foto: Abellio GmbH