Geschichte wird gemacht
04.05.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld
Wenige Tage vor dem Start des Deutschlandtickets war die Botschaft der BVG AöR klar: Wir sind bereit! Zurecht, denn nicht die Eisenbahn- und ÖPNV-Branche ist dafür verantwortlich, dass es acht Monate dauerte zwischen dem Auslaufen des Neun-Euro-Tickets und dem neuen Deutschlandticket. Das ist die Politik. Nicht der Bundeskanzlerin allein und persönlich, aber die Politik im allgemeinen schon.
Nochmal zur Erinnerung: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat geliefert. Noch während das Neun-Euro-Ticket im Sommer letzten Jahres lief, war die Botschaft klar: Wir können und wir wollen einen organischen Nachfolger schaffen. Der Vorschlag lautete, dass man ein bundesweit gültiges Ticket für 69 Euro im Monat und ein landesweit gültiges Ticket für 49 Euro im Monat auf den Markt bringt.
Das hätte, wenn die Politik es rechtzeitig geschafft hätte, die Signale auf Fahrt zu stellen, bereits am 1. September losgehen können. Doch stattdessen haben wir ein Tauziehen auf Kosten der Berufspendler erlebt: Zwischen Regierung und Opposition, zwischen Bund und Ländern, das ganze schien zur reinen Verhandlungsmasse zu werden oder gar ganz zu scheitern.
Legendär ist der bayrische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU), der im Herbst 2022 über den Bayrischen Rundfunk ausrichten ließ, dass wenn der Bund ein solches Angebot auf den Markt bringen wolle, dieser es auch finanzieren müsse. Die Länder hätten da nichts mit zu tun. Nun soll das hier kein Fingerzeig speziell in den Freistaat Bayern sein. Gerade wir in Nordrhein-Westfalen wissen zur genüge, wie es ist, Landesregierungen zu haben, die in die Totalverweigerungshaltung gehen. Selbst solche, die von sich behaupten, eigentlich schienenfreundlich zu sein, aber eben nur, wenn es nichts kostet.
Diese monatelange Streiterei hat zu einer Verzögerung geführt, die vermeidbar gewesen wäre und diesen Schuh muss sich die Politik anziehen, müssen sich insbesondere die 16 Landesregierungen anziehen. Denn eine so massive Veränderung in der Tariflandschaft kann man nur auf gesamtstaatlicher Ebene durchführen. Was wir hier seit dieser Woche erleben ist eine Veränderung von ähnlicher Tragweite wie die Eisenbahnreform 1994 selbst. Hier geht eine bunte und zersplitterte Tariflandschaft zu Ende, denn nur noch wenige Fahrgäste werden ihr spezifisches Verbundangebot nutzen.
Die Verkehrsverbünde werden in Zukunft natürlich noch Angebote unterhalb des Deutschlandtickets anbieten, sie werden auch als Aufgabenträger wichtig bleiben. Aber dass es überall andere Tarife gibt, ist vorbei. Der eine Verkehrsverbund hat Zonen, der nächste Waben und wieder ein anderer hat Ringe. Das gibt es nicht mehr.
Der Fahrschein, der den Pendler zwischen Köln und Wuppertal massiv finanziell entlastet gilt jetzt zusätzlich auch im Urlaub an der Nordsee oder im Allgäu; beim Tagesausflug nach Hamburg oder Berlin ebenso wie am Wochenende. Diese Aufbruchstimmung, die jetzt wieder da ist, gilt es zu nutzen. Wir brauchen eine gute, eine starke und eine zuverlässige Eisenbahn.
Siehe auch: Olaf Scholz besucht die BVG AöR
Foto: Berliner Verkehrsbetriebe AöR / Oliver Lang