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Herausforderungen annehmen

11.07.22 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Es ist zunächst einmal richtig, dass eine Landesregierung versucht, das Bundesziel, die Fahrgastzahlen bis 2030 zu verdoppeln, sich konkret auf die eigenen Fahnen schreibt und vor Ort gemeinsam mit den Kommunen umsetzt. Die vielzitierte Verkehrswende lässt sich nämlich nicht durch das Bundesverkehrsministerium verordnen, sondern muss in den Städten und Gemeinden gestaltet werden.

Wenn man aber in acht Jahren das Verkehrsaufkommen im Personen- und Güterverkehr verdoppeln will, dann braucht man auch doppelt so viele Züge, doppelt so viele Werkstattkapazitäten, die Infrastruktur muss ausgebaut und das Personal erweitert werden. Stichwort Personal: Wir befinden uns gerade erst am Anfang einer Verrentungswelle. Die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge gehen jetzt in den Ruhestand. Die Alterskohorte der zwischen 1955 und 1964 geborenen Menschen erreicht gerade erst das Rentenalter.

Wer 1955 geboren wurde, wird in diesem Jahr 67 Jahre alt und eine ganze Reihe an Leuten, die im Moment noch unsere Wirtschaft tragen, wollen im Laufe des Jahrzehnts in den verdienten Ruhestand eintreten. 1964 war in beiden deutschen Teilstaaten das bis heute geburtenreichste Jahr, mit dem Pillenknick ging der Babyboom zu Ende. Die letzten Babyboomer werden also erst 2031 in den Ruhestand gehen und angesichts weiter sinkender Zahlen an Schulabgängern wird es schwer genug, die Ruheständler zu ersetzen, geschweige denn einen größeren Personalaufbau auf die Reihe zu kriegen.

Es ist ein sehr realistisches Szenario, dass das Großprojekt Verkehrswende an zu wenig Lokomotivführern, zu wenig Fahrdienstleitern, zu wenig Bauarbeitern und zu wenig Mechatronikern scheitern wird. Wo sollen die Leute auch herkommen? Stand jetzt könnte man zwar zusätzliche Züge in die Fahrpläne schreiben, aber sie würden nicht fahren, weil es kein Personal gibt.

Ein Blick in die regionale Tagespresse zeigt gerade überall ein ähnliches Bild: Es fehlen Busfahrer, es fehlen Lokomotivführer und immer mal wieder hört man von Eisenbahnstrecken, die ab 20 oder 21 Uhr komplett dichtgemacht werden, weil man nicht genügend Fahrdienstleiter hat, um die Nachtschichten auf den Stellwerken zu besetzen. Gerade dem Güterverkehr fehlen dadurch aber oft wertvolle Trassenkapazitäten in der Nacht, wenn die Infrastruktur nicht durch Personenzüge überbelegt ist. Entsprechend problematisch wird die Gesamtsituation.

Natürlich ist das jetzt etwas aktuelles, etwas das nichts über die nächsten acht oder zehn Jahre aussagt, aber es zeigt, dass die Ressourcen ein ernsthaftes Problem sind. Auch die Bau- und Rohstoffe drohen in den nächsten Jahren teurer zu werden oder gar nicht mehr zu bekommen. Das wiederum kann dazu führen, dass Baustellen nicht fertig werden, unterbrochen werden müssen oder sich die Sperrzeiten dadurch verlängern. Es kann also jede Menge Probleme geben, die man nicht mit Sonntagsreden lösen kann, die man aber auch nicht ignorieren sollte. Vor der gesamten Branche stehen massive Herausforderungen. Diese gilt es anzunehmen.

Siehe auch: BaWü: Umsetzungsphase ÖPNV 2030 startet
Foto: Deutsche Bahn AG / Uwe Miethe

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