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Der Blick in die Realität

10.06.24 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Wenn sich die Zuverlässigkeit auf niedrigem Niveau stabilisiert haben soll, dann heißt das im Klartext: Die Eisenbahnkrise in Deutschland hat sich auch in Nordrhein-Westfalen manifestiert. Die Züge fallen aus, weil es zu wenig Mitarbeiter gibt, manchmal auch weil die Stellwerke unbesetzt bleiben oder massive Baumaßnahmen sorgen dafür, dass ganze Abschnitte oft monatelang nicht befahrbar sind. Die InfraGO, bzw. im alten Jahr noch DB Netz hat ja die 2020er Jahre selbst als das Jahrzehnt der Baustellen ausgerufen, sodass wir davon ausgehen können, dass sich an dieser Problematik zumindest kurzfristig nichts ändern wird.

Gab es früher keine Baustellen im Netz? Hat man die Infrastruktur nicht nur „unter Mehdorn und für die Börse“ auf Verschleiß gefahren, sondern vielleicht schon Jahrzehnte vorher? Oder hatte man tatsächlich in früheren Jahren einfach bessere Ausweichmöglichkeiten, weil es noch mehr Weichen gab, weil zahlreiche Haltepunkte von heute früher noch Bahnhöfe waren und der Betrieb somit flexibler zu gestalten war? Darüber kann man sich sicherlich streiten. Feststehen tut aber die Zahl von 16,3 Millionen ausgefallenen Zugkilometern, einem neuen Negativrekord zwischen Rhein und Weser.

Jetzt stellen wir uns den normalen Arbeitnehmer vor, der jeden Tag verlässlich in die Firma muss, weil er vielleicht nicht die Möglichkeit hat, auf das Home Office auszuweichen: Spätestens wenn jemand das dritte oder vierte mal in einem Monat morgens um sieben am Bahnsteig steht und der Zug fällt aus, dann wird derjenige wieder mit dem Auto fahren. Da nutzt auch kein Deutschlandticket, wenn der Zug nicht fährt. Was macht derjenige denn, wenn man dann auch noch erfährt, dass die Bahnstrecke demnächst für sechs Monate, vielleicht aber auch für zwei Jahre gesperrt und auf Busse umgestellt wird?

Natürlich gibt es die, die keine Alternative haben. Wir haben die Captive Rider, die darauf angewiesen sind, die sich nach Belieben verdichten lassen und die beim Wegfall von Leistungen im Zweifel auch zuhause bleiben würden. Wenn die Eisenbahnverbindung aus Bad Münstereifel nach Bonn für mehrere Jahre unterbrochen wird, dann kann das bei einem Studenten aus einem weniger gut betuchten Elternhaus dazu führen, dass derjenige das Studium abbrechen und sich eine Lehrstelle im Wohnort suchen muss. Diese Lebensrealität vieler Fahrgäste scheint in Teilen der Eisenbahnbranche nur verlangsamt anzukommen.

Wenn man sich jetzt ehrlich machen würde, dann müsste man sagen: Es wird bis 2030 keine Verdoppelung der Fahrgastzahlen geben, weder in Nordrhein-Westfalen, noch bundesweit. Angesichts all der Probleme, die sich unter dem Begriff Eisenbahnkrise subsumieren lassen, kann man froh sein, wenn die jetzigen Stammkunden dauerhaft dabei bleiben. Weder hat das Eisenbahnnetz genügend Kapazitäten, um zusätzliche Züge aufzunehmen, noch sind die Verkehrsunternehmen in der Lage, diese zu fahren. Im Gegenteil: Erstmal muss in den kommenden Jahren die verlässliche Rückkehr zum Normalfahrplan erfolgen, danach muss man weitersehen.

Siehe auch: NRW: SPNV-Qualitätsbericht für 2023 vorgestellt
Foto: Deutsche Bahn AG / Marcus Henschel

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