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Kein Skandal, aber skandalös

23.11.23 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

Allein in einem Zeitraum von drei Minuten kommen 73 Kalendertage unbesetzte Stellwerke zusammen, wobei eine nicht bekannte Dunkelziffer noch einmal dazukommt. DB Netz kann oder will die unbesetzten Stellwerke nicht erfassen, sodass niemand wissen kann, wie hoch die Verfügbarkeit tatsächlich ist. Richtig und wichtig ist auch der Hinweis auf 2013, als am Mainzer Hauptbahnhof rund eine Woche ein Stellwerk wegen fehlender Fahrdienstleiter nicht ausreichend besetzt war.

Das war damals tatsächlich noch ein bundesweiter Skandal, zu dem sich sogar die damalige Bundeskanzlerin geäußert hat. Würde sich heute der Bundeskanzler oder auch der Bundesverkehrsminister um jedes unbesetzte Stellwerk persönlich kümmern, hätten die Leute viel zu tun. Längst sind Zugausfälle wegen Personalmangel ebenso Realität wie unbesetzte Stellwerke, ohne dass sich ernsthaft jemand daran stört.

Dass das gerade für den Güterverkehr ein Problem ist, liegt auf der Hand. Wenn man primär die Nachtschichten streicht, um im morgendlichen Berufsverkehr wieder einen ausgeschlafenen Fahrdienstleiter ins Stellwerk setzen zu können, dann heißt es für die Güterzüge waren. Denn auch wenn der Güterverkehr selbstverständlich nicht nur in der Nacht unterwegs ist, sondern rund um die Uhr, so ist doch aber das relativ kurze Zeitfenster zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens so wichtig, weil die Güterzüge eben nicht durch Personenzüge ausgebremst werden.

Selbst ein Zug mit einer einfachen Economy-Trasse, der sich also dem Personenverkehr unterordnen muss, kommt in dieser Zeit relativ störungsfrei voran – oder auch nicht. Wir hatten schon letzten Winter das Thema, dass wir in der Laufzeit verlängerte oder reaktivierte Kohlekraftwerke mit Brennstoffen und Schüttgütern versorgen müssen. Wenn so ein Kohlekraftwerk nicht zufällig an einer Bundeswasserstraße liegt und per Schiff versorgt werden kann, dann geht das nur über die Schiene.

Man hat dann solchen Zügen über die Eisenbahnregulierung auch Vorfahrt am Tag gewährt, aber auch das war nur eine Mangelverwaltung. Zumal ja auch völlig unklar ist, wie es weitergeht. So wie die Lokomotivführer zu einem Teil relativ kurz nach ihrer Ausbildung wieder aussteigen, so dürfte es auch bei Fahrdienstleitern sein. Es ist längst nicht gesagt, dass jemand, der aus einem anderen Beruf kommt, nach einer Umschulung für immer bei der Eisenbahn bleibt.

Dazu kommt die laufende Verrentungswelle der geburtenstarken Nachkriegsgeneration. Aber: Der in beiden deutschen Teilstaaten geburtenstärkste Jahrgang 1964 steht erst noch vor dem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Die Fluktuation wird also nicht besser, sondern schlimmer. Nur eins kann man sagen: Obwohl sich die Zustände stark dramatisiert haben, obwohl Deutschland die schwerste Eisenbahnkrise seit der Pionierzeit erlebt, ist das ganze längst kein bundesweiter Skandal mehr. Aber was nutzt das schönste Deutschlandticket, wenn der Zug regelmäßig ausfällt und sich nur der Grund ändert. So kriegt man jedenfalls niemanden auf die Schiene.

Siehe auch: Netzwerk Güterbahnen kritisiert unbesetzte Stellwerke
Foto: hpgruesen

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