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Die Verkehrswende beginnt tatsächlich vor Ort

09.03.20 (Kommentar, Nordrhein-Westfalen, NVR, NWL, Verkehrspolitik, VRR) Autor:Stefan Hennigfeld

Die Überschrift der Verlautbarung aus dem Landesverkehrsministerium trägt den Titel „die Verkehrswende beginnt vor Ort“ und selten ist ein wichtigerer Satz ausgesprochen worden. Es sind die Menschen in den Kommunen, in den Rathäusern, Kreisverwaltungen, Stadträten und Planungsämter, auf die man angewiesen ist, um eine gute Verkehrspolitik zu machen. So gut die Idee mit einem Durchgriffsrecht nach unten ist, so sehr muss man dennoch auf Einsicht bei den Vor-Ort-Verantwortlichen hoffen.

Einen bundesweiten Deutschlandtakt kann man nur von oben nach unten planen. Sollte es also eines Tages soweit sein, dass man die SPFV-Angebotspolitik nicht mehr der DB AG überlässt, sondern in welcher Form auch immer politische Einflussnahme nimmt, dann müssen die SPNV-Aufgabenträger bei ihrer eigenen Planung Rücksicht auf den Fernverkehr nehmen und die Regionalzüge, wie es heute schon häufig der Fall ist, als Zubringer für den Fernverkehr organisieren, zumindest auch als solchen.

Diese müssen aber im Gegenzug verlangen, dass der Stadtverkehr an den Schienenverkehr angepasst wird, auch zur Tagesrandlage, wenn die Taktdichte nach dem Feierabendverkehr ausgedünnt wird. Wer um 20 Uhr aus Köln in Eitorf oder aus Dortmund in Wetter an der Ruhr ankommt, der erwartet zurecht, dass er ohne übermäßige Wartezeit mit dem Bus nach Hause fahren kann – und das ist demjenigen womöglich deutlich wichtiger als wenn man im urbanen Raum fordert, bestimmte Stadtbahnabschnitte vom Fünf- und den Vier-Minuten-Takt zu verkürzen.

Wer vom Bahnhof seiner Klein- oder Mittelstadt nicht nach Hause kommt, der hat andere Sorgen und fährt im Zweifel die ganze Strecke mit dem eigenen Wagen statt mit Bus und Bahn. Norbert Reinkober vom Verkehrsverbund Rhein-Sieg sagt zurecht, dass es jetzt Sache der kommunalen Verwaltungen ist, sich zu vernetzen, gemeinsame Projekte anzuschieben und dafür zu sorgen, dass Schwung in den Laden kommt.

Denn das politische Ziel ist schließlich, dass Busse und Bahnen es nicht nur schaffen, mit dem Markt mitzuwachsen und als Nischenprodukt irgendwo eine kleine Rolle haben, sondern dass die Stellung im Wettbewerb der Verkehrsträger verbessert wird. Hier sind Versuche, Autofahrer zu schikanieren, in den letzten Jahrzehnten immer wieder gescheitert. Jetzt ist es an der Zeit, dass man seine eigenen Stärken ausspielt: Taktverkehr, Vernetzung, multimodale Angebote und vieles mehr. Warum sollte man, ohne eigenes Auto, nicht auch seinen Wocheneinkauf bei Rewe oder Edeka mit der App des Verkehrsverbundes bestellen können?

Pilotprojekte mit Taxikooperationen existieren ja bereits hin und wieder. Viele Städte haben bereits ihre eigenen kommunalen Smartphoneprogramme, an denen sich die ÖPNV-Branche auch beteiligen kann. Die Digitalisierung bietet hier erhebliche Chancen, gerade jetzt, wo selbst ältere Leute als Silversurfer im Netz unterwegs sind. Diese Chance sollte man nutzen und in fünf oder zehn Jahren auf erfolgreiche Programme zurückschauen zu können.

Siehe auch: Zukunftsnetz Mobilität NRW erweitert

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