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Knoten Köln: Erhebliche Überlastung

04.07.19 (NVR, Verkehrspolitik) Autor:Stefan Hennigfeld

Während ganz Deutschland über kostenlosen ÖPNV oder 365-Euro-Tickets nach Wiener Vorbild diskutiert, zeigt der Verkehrsverbund Rhein-Sieg auf, dass der Eisenbahnknoten Köln bereits heute heillos überlastet ist. Ein 365-Euro-Ticket würde Berechnungen zufolge für dreißig Prozent mehr Fahrgastnachfrage sorgen – etwas, das man in und um Köln nicht bewältigen könnte.

Im Fokus einer durch den VRS in Auftrag gegebenen Untersuchung stand die Frage, welche zusätzlichen Kapazitäten bis 2024 notwendig sind, um Fahrgaststeigerungen von dreißig Prozent zu bewältigen und welche Maßnahmen und Finanzmittel erforderlich sind, um diese zusätzlichen Kapazitäten zu schaffen.

Projektleiterin Jutta Henninger von der WVI Prof. Dr. Wermuth Verkehrsforschung und Infrastrukturplanung GmbH mit Sitz in Braunschweig sowie der Kasseler Professor Carsten Sommer vom Institut für Verkehrswesen stellten die Ergebnisse der Kapazitätsuntersuchung nun in der Sitzung der VRS-Verbandsversammlung vor. Die Forscher betrachteten für ihre Untersuchung 120 Referenzlinien.

Dabei wurden 21 regionale SPNV-Linien, 16 Stadtbahnlinien in Köln und Bonn sowie diverse Bus- und Schnellbuslinien unter die Lupe genommen. Bei der Auswahl der Linien beschränkten sich die Verkehrsexperten auf die besonders kritischen Engpässe. Die Experten verfolgen zwei verschiedene Ansätze. Der eine widmet sich vor allem der Identifizierung überlasteter Linien im Bestandsnetz, für die eine Auslastungsprognose vorgenommen wurde.

In Abstimmung mit dem VRS und den angeschlossenen Verkehrsunternehmen wurden für die überlasteten Linien kurzfristig umsetzbare Entlastungsmaßnahmen entwickelt. Hierzu gehören z.B. der Einsatz größerer Fahrzeuge und die Einrichtung von Bus-Parallelverkehren zur Schiene. Der zweite Ansatz untersucht pendlerstarke Verbindungen, für die der ÖPNV aufgrund langer Fahrtzeiten oder ungünstiger Umsteigeverbindungen keine wirkliche Alternative zum Auto darstellt.

Für diese Relationen wurden Verbesserungsmöglichkeiten entwickelt. Das erste Ergebnis überrascht nicht wirklich: Die Überlastung in den Zügen entsteht insbesondere im Zulauf auf die Großstädte. Schon heute weisen viele Züge eine deutliche Überbesetzung auf. Auch bei den Bussen und Stadtbahnen wurden bereits heute teilweise Überlastungen festgestellt.

Sollte es vor diesem Hintergrund zu einer 30-prozentigen Fahrgaststeigerung kommen, verschärft sich die Situation deutlich. Und dies nicht nur im SPNV, sondern auch im kommunalen Bus- und Stadtbahnsystem. Ein Kollaps des Nahverkehrssystems wäre aller Voraussicht nach die Folge. Der begrenzende Faktor ist insbesondere die völlig überlastete Infrastruktur.

Da diese aber bis ins Jahr 2024 nicht ausgebaut ist, sind gezielte Maßnahmen zur Angebotserweiterung erforderlich. Dies sind insbesondere Kapazitätserweiterungen im bestehenden Netz durch Taktverdichtungen, den Einsatz größerer Fahrzeuge sowie Direktverbindungen und Schnellbusse zur Entlastung des überfüllten Bestandsnetzes.

Eine Entlastungswirkung, beispielsweise durch einen Expressbus, ist aber nur dann zu erwarten, wenn das Entlastungsangebot attraktiv und zeitlich konkurrenzfähig zum Auto ist. Folglich müssten eigene Busspuren oder zumindest Vorrangrouten für die Schnellbusse geschaffen werden. Der pro Jahr benötigte zusätzliche Finanzbedarf wird mit rund 120 Millionen Euro angegeben – und das als Untergrenze.

„Die vorgeschlagenen Maßnahmen im Busbereich können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn die Busse nicht im Stau stehen. Daher sind Bevorrechtigungen des ÖPNV erforderlich. Generell muss über eine Umverteilung der Verkehrsflächen diskutiert werden – auch wenn diese Diskussion dem Individualverkehr weh tut. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel bei der Verkehrsplanung, der vorhandene Raum muss für alle Verkehrsmittel neu gestaltet werden“, so Professor Sommer.

VRS-Geschäftsführer Michael Vogel betont: „Der ÖPNV kann einen wichtigen Beitrag zu Luftreinhaltung und Mobilitätswende leisten. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass eine kurzfristige Fahrgaststeigerung erhebliche Maßnahmen im ÖPNV-System bedarf und mit hohen Kosten verbunden ist. Wir brauchen daher das Bewusstsein, eine neue, moderne Verkehrsplanung einzuführen und auch Einschnitte für den Autoverkehr zu akzeptieren. Dazu müssen die zukunftsweisende Bedeutung des Nahverkehrs erkannt und die entsprechende finanzielle Ausstattung gewährleistet werden.“

Siehe auch: Mehr Realität wagen

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