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Über den Tellerrand blicken

16.04.18 (Kommentar, NVR) Autor:Stefan Hennigfeld

Natürlich hat niemand eine Glaskugel, aber wir können dennoch ziemlich sicher sagen, dass sich das urbane Verkehrsaufkommen in den kommenden Jahren massiv erhöhen wird. Was jetzt noch gerade ausreichend ist, wird 2030 völlig überfüllt sein und was jetzt angemessen proportioniert scheint, wird in einigen Jahren zu wenig sein.

Das beste Beispiel hat man in Köln selbst gesehen: Auf der rechtsrheinischen RE-Achse entlang der Sieg kommt der Aufgabenträger gar nicht mehr hinterher, so viele Sitzplatzkilometer zu bestellen, wie es notwendig wäre. Dabei ist die ursprüngliche Vergabe gerade einmal elf Jahre her. In diesem doch noch immer sehr überschaubaren Zeitraum ist die Fahrgastnachfrage auf eine Art und Weise gestiegen, die man noch am Anfang für völlig unrealistisch gehalten hat.

Aus diesen Erfahrungswerten gilt es jetzt im Zusammenhang mit S-Bahnausbauten für die Zukunft zu lernen: Man muss die dicken Bretter bohren und die großen Lösungen wählen, um nicht in wenigen Jahren wieder vor ähnlichen Problem zu stehen wie jetzt. Das Ausbauprinzip „klein, schnell und billig“ ist eben nicht immer besonders nachhaltig, sondern vielfach nur notdürftig, um nicht völlig dem Verkehrsinfarkt zu erliegen.

Ob es nun die zweite S-Bahnstammstrecke in München ist, die S 4 in Hamburg oder diverse Ausbauten und Verbesserungen rund um den Eisenbahnknoten Köln: Überall dort ist davon auszugehen, dass der Nachfrageboom nicht abnehmen wird. Wir reden nicht mehr über die Frage, wie stark die Fahrgastzahlen steigen, sondern mit welcher Dynamik die Steigerungsraten selbst in die Höhe gehen.

Trotz zum Teil schlechter Erinnerungen an den eigenen Mathematik-Unterricht werden alle wissen, wie sich Exponentialfunktionen entwickeln: Nach oben und zwar richtig. Deswegen ist die Eisenbahnpolitik auch nur ein Teilgebiet der Felder, die hier lösungsorientiert arbeiten müssen. Man braucht selbstverständlich eine vernünftige Verknüpfung mit der Wohnungsbaupolitik, gerade in den Metropolregionen der Republik.

Die Erkenntnis, dass nicht jeder in der Kölner Innenstadt, in Berlin-Mitte oder am Münchener Marienplatz wohnen kann, ist trivial. Entsprechend muss man längere Wege zur Arbeit einkalkulieren und vernünftige Angebote machen – für die Straße, wie auch für die Schiene. Das Thema Trabantenstädte ist eben kein Relikt aus der alten Bonner Republik, sondern angesichts der gesamtdeutschen Urbanisierung hochaktuell.

Niemand möchte zurück zur Neuen Heimat der 70er Jahre, die heute als verwahrloste Betonhölle oftmals das Gegenteil von Lebensqualität liefert. Wohl aber muss man mit modernen Wohnungsbaukonzepten dafür sorgen, dass Menschen auch weitere Strecken zum Arbeitsplatz bequem und schnell zurücklegen können.

Sei es mit der S-Bahn, sei es mit einem Regionalexpress in der Funktion einer beschleunigten S-Bahn oder was auch immer. Der Schlüssel zu einer guten Lösung liegt in einer Verzahnung mit anderen Politikfeldern. Es wird Zeit, über den Tellerrand hinausgucken, die Eisenbahn ist nur ein Bestandteil von vielen.

Siehe auch: NVR lud zur S-Bahnmesse

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