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UK: Neues Jahr, alte Probleme

16.01.17 (Großbritannien) Autor:Max Yang

Das neue Jahr hat für Pendler in Süd-London und Umgebung so unangenehm begonnen, wie das alte endete. Ein Streik brachte am Freitag, 13. Januar, den Schienenverkehr im Netz Southern, welches große Teile Süd-Londons sowie der Regionen Surrey und Sussex abdeckt, erneut faktisch zum Erliegen. Nur wenige Fahrgäste konnten auf Alternativen parallel verkehrender Drittunternehmen ausweichen.

Bei vergangenen Streiks im letzten Jahr führten Drittunternehmen wie Great Western Railway kurzfristig eine Reservierungspflicht auf den wenigen fahrenden Zügen ein, die streckenweise den gleichen Laufweg wie ausfallende Southern-Züge aufwiesen. Fahrgäste beschwerten sich darüber, dass sie ausgesperrt und ihnen so Fahrtalternativen genommen würden.

50 Parlamentsabgeordnete der konservativen Partei fordern nunmehr eine Einschränkung des Streikrechts im öffentlichen Infrastruktursektor per Gesetz, welches einen Richtervorbehalt sowie die Pflicht zur Aufrechterhaltung eines Rumpfdienstes vorsehen soll. Überlegungen zur Einschränkung des Streikrechts gab es in Großbritannien schon seit Längerem. Während eines Tarifkonflikts bei der London Underground vor drei Jahren thematisierte Boris Johnson (Conservatives), damals noch Londoner Bürgermeister, ein Streikverbot im öffentlichen Dienst nach US-amerikanischem Vorbild.

Nach Angaben des Fahrgastverbands „Association of British Commuters“ hat ein Inhaber einer Jahreskarte, der diese mit American-Express-Kreditkarte bezahlt hat, erfolgreich eine Rückerstattung von seinem Kreditkartenunternehmen erhalten, nachdem er nach Ablauf seiner Jahreskarte den Umsatz reklamierte. Eine besondere Vorschrift des britischen Rechts (Paragraph 75 des Verbraucherkreditgesetzes 1974), die es in dieser Form im deutschen oder EU-Recht nicht gibt, sieht Kreditkartenzahlung und Hauptgeschäft als verbundene Verträge an, so dass im Fall eines Mangels ein Verbraucher auch gegenüber seiner Bank Ersatzansprüche hat.

Betroffene Fahrgäste weisen darauf hin, dass sich Probleme bei Southern schon seit Jahren abzeichneten. Die Störungen zerstörten Karrieren und belasteten das Familienleben der Anwohner. Eine Pendlerin, die seit fünf Jahren aus dem Bereich Gatwick/Horsham nach London pendelt, sprach mit der Redaktion von Zughalt. Während vor drei Jahren ihr Arbeitsweg nur eine Stunde brauchte, musste sie schon sechs Monate später plötzlich 40 Minuten länger fahren. Infolge einer Dauerbaustelle am Bahnhof London Bridge wurde der Takt reduziert, so dass sie auf weniger überfüllte, langsamere Züge auswich.

Häufiges Zuspätkommen und ihre streikbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz hätten das Betriebsklima massiv verschlechtert, so dass sie sich gezwungen sah, die Arbeitsstelle zu wechseln. Der neue Arbeitgeber wiederum liegt weniger günstig in London, was die Fahrzeiten weiter verlängert, und zahlt ein deutlich niedrigeres Gehalt. Mehr als zehn Prozent ihres Bruttoeinkommens müsse sie für öffentliche Verkehrsmittel aufwenden, die weiterhin unzuverlässig seien.

Sam Jennings, Floristin aus London: „Es zerstört mein Geschäft“

Auch Geschäftsinhaber in Bahnhöfen beklagen teils existenzgefährdende Zustände. Sam Jennings betreibt unter dem Namen „Flower Girl London“ ein kleines Blumengeschäft im Bahnhof Norbury im Süden Londons. Neben den Streiktagen haben auch allgemeine Betriebsstörungen die Laufkundschaft am Bahnhof massiv reduziert. Kürzlich wollte Travel Point Trading, welches im Auftrag des EVU Southern Ladenlokale im Bahnhof vermietet, noch eine zwanzigprozentige Mieterhöhung durchsetzen. Zumindest dies wurde bis zum Ende des Tarifkonflikts „ausgesetzt“, doch bei einer geforderten Mietminderung stelle man sich quer. Nur magere 27 Streiktage im Jahr 2016 wolle man anrechnen, nicht jedoch andere Tage, die ebenfalls durch Verspätungen und Zugausfälle geprägt wurden.

„Es zerstört mein Geschäft und sie behaupten ständig, dass die Passantenfrequenz nicht zurückgegangen sei, was Unsinn ist“, so Jennings. Im Mietvertrag stehe zwar, dass der Eisenbahnverkehr nicht garantiert sei – was sie bei vereinzelten Störungen wie Baumästen auf der Bahnstrecke nachvollziehen könne, jedoch handele es sich bei der jetzigen Krise um eine außergewöhnliche Situation.

Fazit für den Beobachter: Das britische Chaos ist in mehrfacher Hinsicht lehrreich, zeigt es doch, dass ganze Wirtschaftszweige gute Verkehrsanbindungen benötigen. Es bleibt weiterhin spannend im Süden Englands, wo der Druck auf die Spitzenpolitik zwar wächst, es aber bisher nicht klar ist, wer am Ende Erfolg haben wird.

Siehe auch: Der Fahrgast ist nicht machtlos

Foto: Sam Jennings

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