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Der Fahrgast ist nicht machtlos (in UK)

16.01.17 (Großbritannien, Kommentar) Autor:Max Yang

In der Politik in Großbritannien hat man grundsätzlich verstanden, dass öffentlicher Verkehr nicht irgendein lustiges Hobby ist und auch kein bloßes öffentliches Beschäftigungsprogramm, bei dem ein paar besitzstandsgewahrte Mitarbeiter ein paar Schüler und Rentner mit Uralt-Technik von A nach B kutschieren. Der öffentliche Verkehr ist ein gigantischer Wirtschaftsfaktor, der auch nach dem Brexit ein Zugpferd der innovationsfreudigen britischen Wirtschaft sein kann.

Der Einstieg von Trenitalia in den britischen Schienenverkehrsmarkt mit der angekündigten Übernahme von c2c, derzeit zu National Express gehörig, zeigt die fortbestehende Attraktivität. Jenseits von Routemaster-Romantik versteht man es auf der Insel auch, die technischen Kompetenzen zu vermarkten und beispielsweise Lösungen für Smart Ticketing an den Mann oder die Frau im Ausland zu bringen. Umso wichtiger ist es für ein exportorientiertes Hochtechnologieland, dass auch im eigenen Land der öffentliche Verkehr in Schuss gehalten wird, denn man muss glaubwürdig bleiben.

Der jetzige Konflikt mit den Gewerkschaften dreht sich oberflächlich um die Ersetzung von Kundenbetreuern mit betrieblichen Aufgaben durch reine Fahrgeldsicherer. Doch Fahrgäste und auch Abgeordnete haben seit vielen Jahren Probleme festgestellt. Strukturelle Fehlentscheidungen sind ersichtlich, was man einerseits zum Beispiel am langanhaltenden Mangel an Triebfahrzeugführern feststellen kann, andererseits aber auch daran, dass das Experiment GTR gescheitert ist, bei dem die einst getrennten und teils von unterschiedlichen Unternehmen bewirtschafteten Netze Southern, Gatwick Express und Thameslink in den größten Verkehrsvertrag Europas zusammengeführt wurden.

Erfahrungen in Deutschland lehren jedoch, dass kleinteiligere Vergaben besser sein können, gerade weil sie Redundanzen schaffen. So kann die ODEG auf einigen Routen einen gewissen Rest-Service bereitstellen, wenn DB Regio in Berlin und Brandenburg bestreikt wird. Mittelstandsfreundliche Vergaben müssen ja nicht so aussehen wie zu Anfangszeiten der Bahnreform in Deutschland, wo bildhaft gesprochen Provinzlinien mit drei dieselnden Schienenbussen separat vergeben wurden.

2017 wird ein spannendes Jahr, das auch zeigen wird, ob es die Briten unterm Strich eventuell trotzdem besser haben. Der gesetzliche Ordnungsrahmen in Großbritannien ist jedenfalls so gestaltet, dass Fahrgäste nicht machtlose Empfänger einer Sozialleistung sind, sondern Bürger, die sich wehren können – ob durch Reklamation von kreditkartenfinanzierten Fahrkartenkäufen bei ihrer Bank oder mit crowd-finanzierten Gerichtsverfahren, die Verkehrspolitiker auf Trab halten sollen.

Bereits heute haben die Pendler rund um die Association of British Commuters (ABC) Geschichte geschrieben. Stephen Joseph von der Campaign for Better Transport bezeichnete sie als „eine neue Art Fahrgast-Lobbygruppe organisiert von jungen Menschen, die geschickt soziale Medien nutzen“. Nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland braucht es für die angestrebte Verkehrswende starke und seriöse Vertreter von Fahrgastinteressen.

Siehe auch: UK: Neues Jahr, alte Probleme

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