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Jobmotor ÖPNV – eine bessere Wahrnehmung tut not

20.08.12 (Kommentar) Autor:Stefan Hennigfeld

In der letzten Woche haben die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) gemeinsam mit dem örtlichen Arbeitsamt darauf hingewiesen, wie vielen Menschen man dort eine neue berufliche Perspektive geboten hat – und nicht nur da. Der ÖPNV ist nicht nur zur öffentlichen Daseinsvorsorge da, sondern er ist als Arbeitgeber ein bedeutender Wirtschaftszweig im Land. Allerdings schafft die Branche es (bislang) nicht, diese Wahrnehmung herbeizuführen.

Dabei ist es doch ganz klar: Wenn einem maroden Autohersteller die Pleite droht, dann kommen Politiker aller Parteien, um dort die Arbeitsplätze zu retten. Die Betriebsangehörigen der Verkehrsunternehmen kosten nur Geld. Und hier muss man Ansetzen: Jede Leistungskürzung hat automatisch den Abbau von Arbeitsplätzen zur Folge. Sollten die Regionalisierungsgelder nominal oder real sinken, bedeutet das, dass in dieser Branche künftig weniger Menschen in Lohn und Brot stehen.

Das Problem ist: Um auf die hohe Arbeitsplatzsicherheit hinzuweisen, wird dieser Sachverhalt üblicherweise negiert. Da ist die Rede von langfristigen Beschäftigungssicherungsverträgen und von jahrzehntelangen Verkehrsverträgen. Einige Eisenbahnverkehrsunternehmen sollten ihre Verträge vielleicht mal etwas genauer lesen und gucken, was da über vorzeitige Abbestellungen bei sinkenden Regionalisierungsgeldern steht. Dennoch ist es natürlich ein argumentatives Dilemma, wenn man einerseits zurecht auf die Wichtigkeit des ÖPNV als Arbeitgeber hinweisen will und andererseits genau deshalb Abbestellungen von Verkehrsleistungen verhindern will.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, die sich bislang für Angebotsausdünnungen relativ wenig interessiert hat, hat vor einigen Wochen in Ostdeutschland gefordert, von der Schließung bedrohte Eisenbahnstrecken zu erhalten. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die es lange Zeit so nicht gegeben hat. Wer auf Kosten des ÖPNV die öffentlichen Kassen sanieren will, der bedroht hunderttausende Menschen mit Arbeitslosigkeit.

Natürlich gehört dazu auch ein respektvoller Umgang mit den Mitarbeitern. Ein Einhaltung gültiger Tarifverträge mit anerkannten Gewerkschaften sind dabei eine Selbstverständlichkeit. Wer, wie es auch die Tochtergesellschaften der KVB tun, „Tarifverträge“ mit gelben Gewerkschaften, in diesem Fall mit der sogenannten „Christlichen Gewerkschaft öffentlicher Dienst und Dienstleistung (GÖD)“ anwendet, der macht sich unglaubwürdig. Es bleibt im Interesse aller zu hoffen, dass im Rahmen des Tariftreuegesetzes solchen Machenschaften ein Ende bereitet wird.

Denn nur dann kann man wirklich glaubhaft darauf hinweisen, dass ehrliche Arbeit auch ehrenvoll entlohnt wird. Das ist in großer Mehrheit der Fall und man kann optimistisch sein, dass die Zeiten, in denen man mit fragwürdigen „Gewerkschaften“ die Löhne gedrückt hat, auch in Nordrhein-Westfalen bald vorbei sein werden.

Viele Menschen wissen gar nicht, wie viele Chancen der ÖPNV ihnen bietet. Wenn Bogestra-Chef Gisbert Schlotzhauer regelmäßig darauf hinweist, dass ein Verkehrsbetrieb weit mehr macht als von A nach B zu fahren, dann hat er ja völlig recht. Die beruflichen Chancen sind vielfältig, nicht nur für die 16jährigen Schulabgänger, auch für die 40jährigen Langzeitarbeitslosen oder Umschüler. Viele Menschen hat Potential, auch wenn ihre Biographien nicht olympiareif sind.

Es kann zahlreiche Gründe haben, wieso jemand im Laufe des Lebens in den Bezug von Hartz 4 fällt. Es gibt aber ebenso viele Gründe, diesen Menschen eine Chance zu geben. Man macht sich nicht zum Auffangbecken gescheiterter Existenzen, wenn man Erwerbslose ins Unternehmen holt, im Gegenteil. Es zeigt, dass Unternehmen trotz Turbokapitalismus und Sozialabbau noch immer eine gesellschaftliche Verantwortung haben und diese auch wahrnehmen.

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