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VDV lehnt Gratis-ÖPNV ab

24.05.12 (Verkehrspolitik) Autor:Stefan Hennigfeld

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) lehnt flächendeckenden Gratis-ÖPNV, wie er u.a. von der Piratenpartei und Teilen der Linken gefordert wird, ab. Nach Berechnungen des Verbandes würde die Einführung eines Nulltarifes die öffentlichen Kassen mit mindestens zwölf Milliarden Euro im Jahr belasten. Dieses Geld solle man statt dessen effizienter zur Steigerung der Attraktivität von Bus und Bahn einsetzen.

Erfahrungen aus dem In- und Ausland, so heißt es in einer Presseerklärung, zeigen, dass der Umstieg vom Auto auf die Öffis weniger durch einen Nulltarif als viel mehr durch die Verbesserung von Qualität und Quantität machbar sei. Ohne kundenbezogene Angebotsverbesserungen oder -ausweitungen würde man statt Autofahrern verstärkt Fahrradfahrer oder Fußgänger auf die Bahn locken.

„Eine Verkehrswende zugunsten des umweltfreundlichen ÖPNV funktioniert am effektivsten mit Attraktivitätssteigerungen“ sogt VDV-Präsident Jürgen Fenske. Forderungen nach Gratis-ÖPNV bezeichnet er als „absurd, weil es heute schon im Nahverkehr große Finanzierungsprobleme aufgrund der angespannten Situation öffentlicher Haushalte gibt. Falsch, weil der Nahverkehr dann zu hundert Prozent staatlich finanziert würde und ein unternehmerischer ÖPNV damit zu einem behördlichen ÖPNV würde. Und ungerecht, weil über höhere Abgaben und Steuern alle Bürger für den Nahverkehr zahlen müssten.“

Man rechnet bei der Einführung eines bundesweiten Nulltarifes mit einer Fahrgaststeigerung von dreißig Prozent. Infolge dessen könnten viele Verkehrsbetriebe weder Fahrzeuge noch Personal zur Verfügung stellen, um diesem Ansturm gerecht zu werden. Dazu kommt die stark ausgelastet und heute schon in Teilen veraltete Infrastruktur, vor allem im Bereich der kommunalen Schiene mit straßenbahnrechtlicher Zulassung.

Fenske: „Wir fahren jetzt schon in den Ballungsräumen und Großstädten teilweise an der Kapazitätsgrenze. Durch den Nulltarif würden auf einen Schlag etliche Millionen zusätzliche Fahrgäste den Nahverkehr nutzen. Dadurch wären weitere hohe Investitionen aus öffentlichen Mitteln nötig, denn es müssten Fahrzeuge gekauft, Personal eingestellt und Haltestellen, Bahnhöfe etc. umgebaut werden. Von zusätzlichen Strecken, die neu gebaut werden müssten, ganz zu schweigen.“

In den zwölf Milliarden Euro, die der VDV berechnet hat, sind die Kosten für die zusätzlich benötigten Infrastrukturinvestitionen noch gar nicht enthalten. Die Mitgliedsunternehmen sind sich einig, dass es auch in Zukunft bei den seit Jahrzehnten bewährten Finanzierungssäulen bleiben muss: Neben den öffentlichen Zuschüssen von Bund, Ländern und Gemeinden müsse auch der Kunde selbst an der Finanzierung seinen Anteil tragen.

6 Responses

  1. Warum so gegen den Nulltarif? Natürlich müssen Bus und Bahn finanziert werden! Aber je intensiver diese genutzt werden, um so eher ist auch eine allgemeine Steuerfinanzierung sinnvoll! Volkswirtschaftlich ist es vollkommen egal, ob ich das Geld über Steuern oder Fahrpreise von den Konten der Bürger ziehe.

    Hat sich der VDV schon mal gefragt, wann der ÖPNV die stärksten Zuwächse hätte? Zum Berufsverkehr gibt es schon heute die günstigen Zeitkarten. wer täglich fährt, kommt günstig weg. Aber das große Potential der Gelegenheitsfahrgäste wird mit den teuren Einzelfahrausweisen abgeschreckt. Und dieser Zuwachs würde sehr Stark zu Zeiten stattfinden, wo Busse und Bahnen weniger ausgelastet sind.

    Besser wäre es zu fordern, Nulltarif ja, wenn die Finanzinzierung stimmt. Denn dann wäre die verstärkte Nutzung von Bus und Bahn doch ganz im Sinne des VDV.

  2. Und jetzt gucken mal alle bitte 25 Jahre in die Vergangenheit und je nach Bundesland nach Osten oder um sich herum. Dann faellt auf, wie gut die Gesellschaft allgemeine Gueter behandelt, die kostenlos verfuegbar sind. Kostenloser OePNV ist aus genau dem gleichen Grund eine Fehlidee, aus welchem man als Tierbesitzer oder Tierheim verpflichtet ist, bei Abgabe seiner Tiere eine Schutzgebuehr zu verlangen. Ist schade, ist aber so.


  3. Aboticket
    27.05.12 um 11:39

    @ Felix Staratschek

    Es gibt ein altes Sprichwort: „Was nichts Kostet, taugt auch nichts!“

    Natürlich sind Abotickets günstiger, als Einzelfahrkarten. Aber das Verkehrsunternehmen kann dabei auf einen festen Kundenstamm zurückgreifen. Ohne diese Einnahmen und die Einnahmen aus den Einzelfahrscheinen wäre das Defizit der Unternehmen wesentlich höher. Schon jetzt tragen die Kommunen Millionenbeträge an Verlusten. Dabei wäre es wünschenswert, den öffentlichen Nahverkehr kostendeckend zu betreiben.

    Schon jetzt haben Kommunen kein Geld für notwendige Infrastrukturmaßnahmen (s. Mülheim a.d. Ruhr, wo eine Straßenbahnstrecke wegen Sicherheitsmängeln stillgelegt wurde). Das würde sich bei einem Nulltarif noch verstärken.

    Es ist eine Mär zu glauben, das bei einem Nulltarif die Autofahrer in den ÖPNV gezogen werden. Es ist eher umgekehrt, Abo-Kunden werden abgeschreckt, wenn der Plebs stundenlang ohne Ziel durch die Gegend fährt. Das ist nämlich auch ein Ziel der Einzelfahrpreise, denjenigen abzuhalten, der nur aus Spaß fahren will.

  4. @Aboticket
    Da die Straßennutzung nichts kostet, taugt sie nichts, ergo sollte man eine PKW-Maut auf der Straße einführen, richtig?

  5. Der VDV will doch gar nicht, daß nennenswert mehr Fahrgäste auf öffentliche Verkehrsmittel kommen. Der VDV will seine Pfründe sichern, mit den Steuergeldern der Allgemeinheit ein schönes Leben führen und um jeden Preis verhindern, daß im Rahmen von Ausschreibungswettbewerben Leistung und wirtschaftliche Strukturen gefordert werden. Für den Beförderungsfall interessiert man sich dort nicht einmal peripher. Man selbst fährt statt S-Bahn lieber S-Klasse. Warum auch mit dem Bus fahren?


  6. Autofahrer
    27.05.12 um 21:13

    @ frank

    Das die Straßennutzung nichts kostet, halte ich für ein Märchen. Zumindest über die Kraftfahrzeugsteuer und die Mineralölsteuer zahle ich für die Straßennutzung. Zusätzlich zahle ich auch noch die Betriebskosten meines Autos, also Versicherung, Wartung etc.

    Aber wenn Sie die Forderung nach einer PKW-Maut erheben, dann aber bitte auch eine Maut für Fahrradfahrer und Fußgänger, die zahlen nämlich gar nichts. Und dann schließt sich der Kreis, auch eine Maut für die Benutzung der Bahntrassen durch die benutzten Züge, Straßenbahnen und Busse.

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