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Mobifair erhebt schwere Vorwürfe gegen Agilis

21.10.11 (Bayern) Autor:Stefan Hennigfeld

Der Verein mobifair, der sich für fairen Wettbewerb in der Mobilitätswirtschaft und die Einhaltung von Arbeitnehmerinteressen einsetzt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die in Bayern tätige Privatbahn agilis. Die Rede ist von „überfahrenen Haltesignalen, fehlenden oder schlecht ausgebildeten Lokführern“, aber auch von „eklatanten Sicherheitsproblemen.“ Das zum Hamburger Benex-Konzern gehörende Unternehmen bestreitet die Vorwürfe.

Für mobifair ist agilis ein „Billiganbieter“. Bei der Bayerischen Eisenbahngesellschaft, die als Aufgabenträger für den SPNV im gesamten Freistaat zuständig ist, habe man sich erhofft, dass das bei DB Regio „freigesetzte“ Personal zu agilis wechseln würde. „Nachdem das Unternehmen zunächst nach dem niedrigen Tarifniveau der ebenfalls zu Benex gehörenden Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft zahlen wollte, hat das nicht geklappt. In ganz Bayern sind drei Triebfahrzeugführer von DB Regio zu agilis gegangen“, so Helmut Diener, Geschäftsführer bei mobifair.

Stattdessen war man auf Leute vom Arbeitsamt angewiesen. „Das ist ein ganz klarer Fall von Fehleinschätzung in der Geschäftsführung“, sagt Helmut Diener. „Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen sich Teile des Personals über Bildungsgutscheine auf Kosten der Allgemeinheit qualifizieren lässt, während die Konkurrenten für viel Geld Jugendliche und junge Erwachsene zu Eisenbahnern im Betriebsdienst ausbilden.“

Seit März 2010 gilt der im Januar 2010 ausgehandelte Haustarifvertrag bei agilis. Dieser wurde mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG, damals noch Transnet/GDBA) abgeschlossen und sieht einen Durchschnittsverdienst von 2.550 Euro für Berufseinsteiger und 2.920 Euro für Lokführer mit 15 Jahren Berufserfahrung vor. Davon ist ein Teil als Zuschlag von Steuern und Abgaben befreit. Die Berufserfahrung wird unabhängig vom Eisenbahnverkehrsunternehmen anerkannt. Diener: „Dadurch beträgt der Lohnabstand zum Marktführer DB Regio nur noch etwa hundert Euro im Monat. Ursprünglich war es viel mehr.“

Mit dem Tarifvertrag ist auch agilis-Geschäftsführer Dietmar Knerr zufrieden: „Dadurch sind wir auch für gestandene Eisenbahner ein lukrativer Arbeitgeber in vielen Regionen des Freistaates geworden.“ Die Vorwürfe von mobifair weist er zurück. „Wir haben fast ein Jahr vor Betriebsstart einen Entgelttarifvertrag mit entsprechender Steigerung in 2011 abgeschlossen, der heute noch gilt und bieten engagierten und interessierten Arbeitnehmern, auch welchen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, eine echte Perspektive.“ Angesichts des Facharbeitermangels ist agilis nicht die einzige Privatbahn, die mit Zugausfällen wegen Personalnot zu kämpfen hat. Deutschlandweit betrifft es auch eine ganze Reihe weiterer.

„Darüber hinaus“, so Dietmar Knerr, „sind zu uns entgegen anderer Angaben deutlich mehr Leute von anderen Marktspielern gekommen. Fünfzehn Kollegen arbeiteten früher für die DB und etwa zwanzig waren für andere Privatbahnen aktiv. Gerade das macht ja die Attraktivität unseres Haustarifvertrages aus. Wir sind nämlich das erste Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland, das die Berufserfahrung vollumfänglich anerkennt. Dabei spielt es keine Rolle, wo die Leute früher tätig waren und ob sie Güter- oder Personenzüge gefahren sind. Trotzdem sind das bei 150 Lokführern, die wir in Bayern innerhalb eines Jahres brauchen, leider zu wenig, die den Weg zu uns gefunden haben.“

Knerr: „Die Bundesregierung kürzt die Mittel für die Arbeitslosenförderung, so dass es uns momentan beispielsweise gar nicht möglich ist, unseren Ausbildungsbedarf mit Bildungsgutscheinen zu finanzieren, weil diese nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Außerdem sind wir in einer Region aktiv, in der es de facto Vollbeschäftigung gibt. Allein deswegen sind wir froh, dass sich viele Leute aus anderen Arbeitsverhältnissen heraus bei uns beworben haben, um bei uns die Ausbildung zum Triebfahrzeugführer oder Servicemitarbeiter zu absolvieren. So ein schlechter Arbeitgeber können wir also gar nicht sein. “

An der Qualität der Ausbildung ändert es nichts, so Knerr. „Unsere Lokführer werden keineswegs im Hau-Ruck-Verfahren ausgebildet. Die Ausbildung erfolgt gemäß den Bestimmungen der maßgeblichen VDV-Schrift 753. Weiterhin hat das Eisenbahnbundesamt die internen Richtlinien der agilis im Rahmen der Erteilung der Sicherheitsbescheinigung geprüft und bestätigt.“

Auch so ist Knerr mit seinen Mitarbeitern sehr zufrieden. Vorwürfe, man sei ein „Billiganbieter“, weist er zurück. „Unsere Auszubildenden in Oberfranken und im Regensburger Stern sind trotz hoher Anforderungen mit vollem Einsatz bei der Sache: In einer sechs- bis neunmonatigen Ausbildung werden sie gründlich in Regel- und Signalkunde sowie Brems- und Fahrzeugtechnik geschult. Das Verhalten im Regel- und Störungsfall wird intensiv trainiert. Nach erfolgreich abgeschlossenen Prüfungen sind die Auszubildenden bestens für den täglichen Dienst gerüstet.“

Dietmar Knerr spricht sich zudem gegen die Diskriminierung Arbeitsloser aus. „Viele Statistiken besagen, dass es Leuten nach ein paar Jahren in der Arbeitslosigkeit kaum noch möglich ist, ein Vorstellungsgespräch zu bekommen. Das ist bei uns anders. Es kann viele Gründe geben, wieso ein Mensch irgendwann in seinem Leben in den Bezug von Hartz 4 rutscht. Wenn so jemand jetzt einen neuen Job kriegt; sozialversicherungspflichtig und unbefristet, bei dem er sehr viel mehr Geld verdient, als ihm vorher zur Verfügung stand, dann kann ich daran nur gutes erkennen. Hier sehen auch wir einen Teil unserer sozialen Verpflichtung.“

Dass es sich hierbei um mehr als Worthülsen handelt, legt der Geschäftsführer anhand des täglichen Betriebs dar. Die hohe Qualität der Ausbildung werde bereits durch die ehemaligen Kursteilnehmer in Oberfranken gezeigt, die seit Juni im Fahrdienst tätig sind. „Mit dem Verband Deutscher Eisenbahnfachschulen (VDEF) und DB Training konnten wir renommierte, hochqualifizierte und zertifizierte Partner für die Ausbildung der Triebfahrzeugführer gewinnen. Geprüft wird durch anerkanntes und entsprechend ausgebildetes Fachpersonal, die örtlichen Betriebsleiter, den Eisenbahnbetriebsleiter und qualifizierte Ausbildungslokführer. Ein weiteres Beispiel dieser qualitativ hochwertigen Ausbildung zeigt sich im Regensburger Stern, dort hat agilis im Qualitätsranking der BEG nach nur 6 Monaten aus dem Stand einen hervorragenden dritten Rang erreicht.“

Agilis fährt heute sowohl im Dieselnetz Oberfranken als auch im E-Netz Regensburger Stern dreißig Prozent mehr Zugkilometer als DB Regio es zuvor getan hat. „Das konnte die Bayerische Eisenbahngesellschaft nur finanzieren, weil in Wettbewerbsverfahren ein deutlich niedrigerer Preis pro Zugkilometer herauskommt als es vorher im „großen Verkehrsdurchführungsvertrag“ der Deutschen Bahn der Fall ist. Aber eine solche Leistungsausweitung ist Grundvoraussetzung, um Arbeit und Beschäftigung nachhaltig zu sichern. Für eine weitere Leistungsausweitung im Regensburger Stern werden wir bis Dezember noch einmal 25 neue Leute einstellen“, so Knerr abschließend.

Bild: Agilis Verkehrsgesellschaft mbH & Co. KG

Ein Kommentar


  1. Beobachter
    21.10.11 um 08:50

    Ich weiß ja nicht, wie sich das dieser Verein „Mobifair“ vorstellt, aber die Ausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst“ dauert drei Jahre und ist auf jugendliche Schulabgänger zugeschnitten. Dabei werden in den ersten zwei Lehrjahren Inhalte vermittelt, die ein Erwachsener in zwei Wochen erlernen kann. Zumal viele der Lerninhalte wie Kommunikation, Planen und Organisieren der Arbeit usw. ihnen gar nicht mehr grundsätzlich vermittelt werden müssen, das sie es aus anderen Berufen ohnehin kennen.

    Das heißt nicht, dass die dreijährige Berufsausbildung zu Eisenbahner im Betriebsdienst für jugendliche Berufseinsteiger überflüssig wäre, aber die Forderung nach einer Abschaffung der Ausbildung von erwachsenen Quereinsteigern durch Bildungsgutscheine ist eine Arroganz gegenüber geeigneten Arbeitslosen, denen ein Wiedereinstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verwehrt werden soll.

    Betrachtet man alle Aktionen dieses Vereins so kommt man auch zu dem Schluss, dass sie den Wettbewerb ablehnen und die „Bundesbahn“ zum Maß aller Dinge machen wollen.

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