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RMV: Eine kritische Bilanz

29.05.10 (Allgemein) Autor:Jürgen Eikelberg

15 Jahre gibt es an Rhein und Main jetzt den RMV. Zeit, um sich einmal etwas intensiver anzusehen was ist, was war und was sein sollte. Als der RMV gegründet wurde und mit seinem Einheitstarif die bis dahin bestehenden 110 Regelungen ablöste, da war man in Hessen alles andere als ein Vorreiter: Schon über 15 Jahre vorher, am 1. Januar 1980, wurde in Nordrhein-Westfalen der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr gegründet. Das war damals eine kleine Revolution, als 22 Verkehrsunternehmen unter einen Hut gebracht worden sind. Der einheitliche Tarif war 1995 mehr als überfällig.

Der RMV rühmt sich mit einem guten Angebot auf seinen Schienen. Die S-Bahn Rhein-Main ist wesentlicher Bestandteil dieses Angebotes. In einer monozentrischen Monopolregion ist das auch relativ einfach umsetzbar: Es gibt die Stammstrecke unter der Innenstadt und Außenäste, die das Umland erschließen. Dieses von der Deutschen Bundesbahn eingeführte S-Bahnsystem ist tatsächlich eine Bereicherung für die Metropolregion. Den hier eingeschlagenen Weg gilt es fortzuschreiben.

Aber gucken wir uns doch die Verkehrsleistungen nach außerhalb an. Der RMV ist durch seine Eigenbrötlerei maßgeblich dafür verantwortlich, daß das Oberzentrum Siegen zum künstlichen Umsteigepunkt geworden ist. Als die damalige DB Reise & Touristik AG den InterRegio 22 zwischen Hagen, Siegen und Frankfurt am Main abgeschafft hat, gelang es drei Aufgabenträgern einen Ersatzzug zwischen Essen und Siegen zu konzipieren: VRR, ZRL und ZWS haben den RE16 eingeführt, der heute im Stundentakt von Essen mit Fahrtrichtungswechsel in Hagen nach Siegen fährt. Auch auf dem Ast zwischen Siegen und Frankfurt am Main fährt ein Regionalexpreß im Zweistundentakt, aber ein anderer. An dem InterRegio-Ersatz, den drei Aufgabenträger gemeinsam eingeführt haben, beteiligt sich der RMV nicht, er kocht sein eigenes Süppchen, somit ist die alte IR-Linie 22 in zwei Teile zerfallen. Zu einer Zusammenarbeit mit den nordrhein-westfälischen Aufgabenträgern kommt es bis heute nicht. Und das obwohl insbesondere der ZRL in seiner langfristigen Verkehrsplanung einen durchgehenden Regionalexpreß über Siegen nach Frankfurt am Main haben will.
Auf dem Rhein-Sieg-Expreß dasselbe Spiel. Diese hochwertige Linie, die Aachen, Köln und Siegen im Stundentakt miteinander verbindet, wird alle zwei Stunden nach Gießen verlängert: Immer dann, wenn der Main-Sieg-Expreß nicht fährt. Die Linie ging in die Ausschreibung, auf der einen Seite stehen AVV, VRS, ZWS und der rheinland-pfälzische Aufgabenträger SPNV Nord, die sich auf eine gemeinsame Vergabe geeinigt haben, auf der anderen Seite steht der RMV, der seinen Ast einzeln ausgeschrieben hat. Zwischen Aachen und Siegen fährt demnächst DB Regio Rheinland, wer nach Gießen weiterfahren will, der muß dann in Siegen in einen Zug der Hessischen Landesbahn umsteigen.

Stellen wir uns mal vor, wie es anders aussehen könnte: Der RE16 und RE9 würden abwechselnd in Siegen enden, aber abwechselnd nach Gießen bzw. Frankfurt am Main weiterfahren. Der RE16 würde zumindest im Zweistundentakt eine preisgünstige Direktverbindung aus Ruhrgebiet und Sauerland in die Metropolregion Rhein-Main sein, der RE9 würde weiterhin jede zweite Stunde Aachen und Köln mit Gießen verbinden, wo es gute Anschlüsse nach Kassel und Frankfurt gibt. All das verhindert der RMV durch seine mangelnde Kooperationsbereitschaft.

Das wäre auch die Gelegenheit einmal zu zeigen, daß Verkehrsbündelungen, wie sie in Deutschland betrieben werden, nicht zwingend notwendig sind. Wieso muß der Verkehr aus dem Ruhrgebiet nach Frankfurt immer über Köln gehen? Wieso nicht mal über Siegen? Der Knoten Köln ist doch heute schon stark überlastet. Neben dem schnellen, aber teuren ICE wäre ein preisgünstiger, aber langsamer Regionalexpreß genau die Alternative, um die Eisenbahn auch für eine preisbewußte Zielgruppe attraktiv zu machen.

Der RMV ist ein Paradebeispiel dafür, wieso die Regionalisierung auch scheitern kann, wenn benachbarte Aufgabenträger eben nicht zusammenarbeiten. Da an den Linien RE9 und RE16 insgesamt sechs andere Besteller beteiligt sind, nur der RMV nicht, ist es naheliegend, daß die Hauptursache in Hessen liegt. Verkehrsströme richten sich nicht nach Länder- oder gar Verbundgrenzen, sie definieren sich anders. Wenn sich die Besteller nicht anpassen, dann leidet die Stellung der Eisenbahn im Wettbewerb der Verkehrsträger wesentlich darunter. In einem solchen Fall ist es oft wichtiger, die Zugverbindungen zu sichern als auf die Ansprüche einzelner Regionalfürsten Rücksicht zu nehmen. Solange der RMV es nicht schafft, hier verbundübergreifende Züge nach Nordrhein-Westfalen zu organisieren, wäre es vermessen, seine Arbeit als erfolgreich zu bezeichnen. Hier muß sich dringend was tun. Und sei es nur, um A4 und A45 zu entlasten.

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